Di, 21. August 2018

Ein Jahr unabhängig

16.02.2009 17:18

Jubel im "freien" Kosovo hält sich in Grenzen

"Nichts ist besser geworden seit der Unabhängigkeit", klagt Admir Llapashtica. Der 25-jährige Kosovo-Albaner hat ein Diplom in Wirtschaftswissenschaft in der Tasche, doch ein Job ist weit und breit nicht in Sicht. Er vertreibt sich ähnlich wie Tausende Leidensgenossen die Zeit in einem der vielen Cafés in der kosovarischen Hauptstadt Pristina. "Für mich gibt es keinerlei Perspektive", sagt der junge Mann. Am Dienstag ist es ein Jahr her, seit der Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien ausgerufen hat. Für den Jahrestag sind bei Weitem nicht nur Jubelfeiern angesagt. Als Höhepunkt der Proteste wird das Belgrader Parlament eine Sitzung mit dem seit der Unabhängigkeit bestehenden Parallelparlament der Kosovo-Serben abhalten.

"Statt besser ist es schlechter geworden", stimmt Butrint Qorri (27) zu, der mit Admir im In-Café "Morena" sitzt. "Für einen Arbeitsplatz brauchst du doch Verbindungen in der Regierung", resigniert der Mann: "Ich hatte gedacht, die internationale Gemeinschaft wird das Verhalten unserer Politiker ändern, aber jetzt sind alle meine Hoffnungen zerstört."

Außerhalb der Hauptstadt sei die Lage noch viel aussichtsloser, wenn das überhaupt geht, berichten die jungen Leute. Bisher haben 54 Staaten den Kosovo anerkannt. Zu diesen zählen immerhin die USA und 22 der 27 EU-Staaten sowie die Nachbarn - mit Ausnahme Serbiens, das den Kosovo nach wie vor als seine Provinz betrachtet. Insgesamt sind knapp 90 Prozent der Einwohner des Kosovo ethnische Albaner, fünf bis sieben Prozent sind Serben.

Keine Krankenversicherung und eine massive Teuerung
Die 32-jährige Edona Ahmeti ist Ärztin im Hauptkrankenhaus von Pristina und zeichnet ein verheerendes Bild des Gesundheitssektors. "Auch zehn Jahre nach dem Krieg gibt es keine gesetzliche Krankenversicherung", sagt sie. Jede Untersuchung und jedes Medikament müssen die Patienten selbst zahlen. "Für die Armen aus der Provinz ist das ein Desaster" und "trotz aller virtuellen Versprechen der Politiker ist der Gesundheitsbereich völlig vergessen worden". Der 31-jährige Grafiker Gazmend Miftari aus der zwischen Albanern und Serben geteilten Stadt Mitrovica im Nordkosovo, wo das Belgrader Parlament am Dienstag seine Protestsitzung abhalten wird, bringt die soziale Misere mit Ziffern auf den Punkt. Seine Frau und er bringen monatlich 500 Euro mit nach Hause. 250 Euro kostet die Miete - kalt. Rund zehn Euro für die Müllabfuhr und das Abwasser, 40 Euro für Strom. "Ich kann schlicht und einfach nicht alle Rechnungen bezahlen und bin auf das Wohlwollen meines Bruders angewiesen. Der ist Gastarbeiter in der Schweiz und schickt uns monatlich Geld."

Schwarz sieht auch Shaip Mustafa in Prishtina. "Ich fürchte, ich werde in zwei Jahren zu einem Sozialfall", stöhnt der 25-Jährige. "Klar kann sich die Lage nicht innerhalb eines Jahres bessern. Aber es wird immer schlimmer", sagt der Mann: "Für ein Kilo Fleisch habe ich im letzten Jahr 4,50 Euro bezahlt und heute sind es 6,50 Euro." Die Erhöhung der Mehrwertsteuer hat alle Lebensbereiche getroffen und Kredite als Ausweg sind unerschwinglich teuer geworden. Der Kosovo hat eine der jüngsten Bevölkerungen in Europa, und um Tausende zu viel drängen sich jährlich neu auf den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit liegt über 40 Prozent. Viele Kosovaren sind von den Geldern abhängig, die ihre Familien aus dem deutschsprachigen Raum oder Skandinavien schicken, wo sie arbeiten.

Serbisches Parlament tagt am Unabhängigkeitstag im Kosovo
Am ersten Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo von Serbien sucht Belgrad die Machtprobe: Am Dienstag wird das serbische Parlament gemeinsam mit dem im Vorjahr gebildeten Parallelparlament der Kosovo-Serben eine Sondersitzung auf dem Gebiet des Kosovo abhalten. Die Sitzung wird in Zvecan vor den Toren der zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Mitrovica im Nordkosovo abgehalten. Den Abgeordneten sei frei gestellt, an dieser Sitzung teilzunehmen, die meisten haben ihr Kommen jedoch bereits zugesagt. "Das ist eine Provokation, aber wir haben nichts Besseres aus Belgrad erwartet", sagte Xhavit Haliti, Sprecher des kosovarischen Präsidenten Fatmir Sejdiu, am Sonntagabend in Pristina. Die "mögliche Destabilisierung" durch die geplante Parlamentssitzung komme "direkt vom serbischen Staat selbst", kritisierte auch Regierungssprecher Memli Krasniqi.

Das Parallelparlament der Kosovo-Serben hatte die Belgrad Volksvertreter zur Abhaltung der Sitzung im Kosovo eingeladen. Die serbische Regierung hatte nicht offiziell darauf reagiert, wohl aber die Abgeordneten. Der Vizevorsitzende des Parallelparlamentes Marko Jaksic erklärte, dass das serbische Parlament damit zeigen würde, dass der Kosovo ein Bestandteil Serbiens sei. In diesem Sinne sollten künftig auch serbische Regierungssitzungen im Kosovo stattfinden. Das Parallelparlament ist für seine engen Kontakte zu der nationalkonservativen Demokratischen Partei Serbiens (DSS) des früheren Premiers Vojislav Kostunica und zur ultra-nationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS) bekannt. Es wird von deren oppositionellen Abgeordneten im Belgrader Parlament am stärksten unterstützt.

Kosovo vertraut auf EU-Mission
"Ich kann nicht spekulieren, was durch einen solchen Schritt (des serbischen Parlaments) passieren wird", sagte der kosovarische Regierungssprecher Krasniqi weiter. Jedoch müsse auf jeden Fall die Verfassung des Kosovo eingehalten werden. Dafür würden die internationalen Polizisten sowie die NATO-geführte Schutztruppe KFOR sorgen. Die EU-Mission (EULEX) versucht seit Beginn des Jahres im Kosovo mehr und mehr an die Stelle der bisherigen UNO-Verwaltung (UNMIK) zu treten und auch den serbisch dominierten Norden behutsam in das Verfassungs- und Rechtssystem des gesamten Kosovo einzugliedern. Daher wurden an der Kosovo-Nordgrenze zu Serbien erstmals EU-Zöllner eingesetzt. EU-Polizisten wollen allmählich auch die Kontrolle in diesem nördlichen Landesteil übernehmen. Die Kosovo-Serben und Belgrad widersetzen sich diesen Bestrebungen.

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