"Hallo Daddy!"

Emotionaler Auftakt zum Demokraten-Parteitag

Ausland
26.08.2008 12:56
Der Auftakt des Parteitages der US-Demokraten in Denver war vor allem von Emotionen geprägt. Erster Höhepunkt der viertägigen Versammlung war am Montag eine Ansprache von Michelle Obama, der Frau des designierten Präsidentschaftskandidaten. Zu Tränen rührte dann auch der Auftritt ihrer beiden Kinder bei einer Satelliten-Schaltung zu Barack Obama im fernen Missouri. "Hallo Daddy", grüßten die Töchter artig, und dieser fragte dann die mehr als 4.000 Delegierten zu den Klängen von Stevie Wonders "Isn't She Lovely": "Wie findet ihr Michelle Obama? Nun wisst ihr, warum ich sie so viele Male gefragt habe, auch wenn sie immer 'Nein' gesagt hat. Ihr wollt doch einen standhaften Präsidenten."

Familienwerte und der amerikanische Traum seien zentrale Antriebskräfte für die Präsidentschaftskandidatur ihres Mannes Barack, führte Michelle Obama in ihrer mit Spannung erwarteten Rede aus. Sie beschrieb ihre eigene Kindheit in einer Arbeiterfamilie in Chicago. Barack Obama habe einen ähnlichen Werdegang gehabt und teile die gleichen Überzeugungen und Hoffnungen mit Millionen Amerikanern, sagte sie. "Ich liebe dieses Land", versicherte Michelle Obama mit Blick auf wiederholt öffentlich geäußerte Zweifel am Patriotismus ihrer Familie. Zusammen mit ihrem Mann fühle sie sich verpflichtet, im Interesse ihrer und aller Kinder für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

Kampf um die Zukunft
Sie sei Tochter, Schwester, Ehefrau und Mutter, stellte sich Michelle Obama in ihrer kalkuliert emotionalen Ansprache vor. Sie stelle sich vor, dass auch ihre beiden Töchter Malia (10) und Sasha (7) einmal ihre eigene Familie haben würden. "Und eines Tages werden sie - und Ihre Söhne und Töchter - ihren eigenen Kindern erzählen, was wir in dieser Wahl geleistet haben. Sie werden ihnen sagen, dass wir diesmal auf unsere Hoffnungen und nicht auf unsere Ängste gehört haben. Wie wir dieses Mal beschlossen haben, nicht mehr zu zweifeln, sondern mit dem Träumen anzufangen."

Gemeinsames Projekt
Michelle Obamas Aufgabe war es auch, den Wählern zu zeigen, dass sie von einem Präsidenten dunkler Hautfarbe nichts zu fürchten haben. Sie vermied es zwar, die Frage der Hautfarbe anzusprechen, betonte aber, dass alle Amerikaner in das gemeinsame Projekt einbezogen werden sollten: "Barack kümmert sich nicht darum, wo ihr herkommt oder was euer Hintergrund ist oder zu welcher Partei ihr gehört. Das ist nicht die Art, wie er die Welt sieht. Er weiß, dass dieses Band, das uns vereint - unser Glaube an Amerikas Verheißung, unsere Verpflichtung gegenüber der Zukunft unserer Kinder - stark genug ist, um uns als eine Nation zusammenzuhalten, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind."

Würdigung von Hillary Clinton
Nur beiläufig sprach Michelle Obama von Politik, als sie das Ziel nannte, den Irak-Krieg zu beenden, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen und allen Bedürftigen eine Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Großen Jubel löste sie aus, als sie Hillary Clinton würdigte. Diese habe es geschafft, "18 Millionen Sprünge in das Glasdach" zu reißen, das Frauen an der Verwirklichung ihrer Ziele hindere.

Wahlprogramm verabschiedet
In einem ersten formellen Akt des Parteitags verabschiedeten die Demokraten ein Wahlprogramm, das zentrale Forderungen des designierten Präsidentschaftskandidaten enthält. Dazu gehören der Abzug der US-Kampftruppen aus dem Irak innerhalb von 16 Monaten, ein Paket zur Belebung der Konjunktur, eine allgemeine Krankenversicherung und höhere Steuern für Haushalte mit einem Jahreseinkommen von mehr als 250.000 Dollar (170.000 Euro).

Appell an die Geschlossenheit
Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi forderte die Partei zur Geschlossenheit auf. Sie räumte ein, dass der Prozess der Versöhnung nach dem erbitterten Vorwahlkampf zwischen Obama und Hillary Clinton noch nicht abgeschlossen sei. Es sei aber nicht produktiv, weiter in diesem Streit zu schwelgen, sagte Pelosi und erklärte vor den Delegierten: "Die Demokraten werden diese Versammlung in Denver geeint, organisiert und stärker denn je verlassen, um Amerika mit Barack Obama als Präsident und Joe Biden als Vizepräsident in eine neue Richtung zu bringen."

Krebskranker Senator Ed Kennedy unterstützt Obama
Aufsehen erregte bei der Eröffnung des Parteitags die Anwesenheit des krebskranken Senators Edward Kennedy. Er rief zur Unterstützung Obamas auf und sagte: "Die Arbeit beginnt von neuem, die Hoffnung wächst wieder, und der Traum lebt weiter." Trotz der andauernden Behandlung wegen eines Hirntumors sagte Kennedy, er verspreche, dass er auch nach der Wahl im November wieder seinen Sitz im Senat einnehmen werde. Auf dem Parteitag wurde auch ein Film zu Ehren Kennedys gezeigt, der als Idol der liberalen Bewegung in den USA gilt und die politische Dynastie des einst als Hoffnungsträger gewählten Präsidenten John F. Kennedy verkörpert.

Die Wahl des Kandidaten beginnt am Mittwochabend, wenn die Delegierten der einzelnen US-Staaten ihre Stimmen abgeben. Die Parteitagsregie sieht dem Vernehmen nach vor, dass die Delegierten zunächst sowohl ihre Stimmen für Obama und Hillary Clinton abgeben. Dann aber soll Clinton ihre Delegierten aufrufen, für Obama zu stimmen.

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