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Natascha Kampusch absolvierte ersten öffentlichen Auftritt

09.09.2010, 21:18
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH, krone.at/Andreas Graf / Video: krone.tv
"Ich wollte ein neues Leben beginnen" - so begründete Natascha Kampusch bei der ersten Lesung aus ihrem Buch "3096 Tage" das Niederschreiben ihrer Erlebnisse in der Gefangenschaft. Rund 800 Personen waren am Donnerstagabend zu der Veranstaltung in einer Filiale der Buchhandelskette Thalia in Wien- Landstraße gekommen. 60 Mitarbeiter, 31 Wachleute, sechs Detektive, ein Sanitätstrupp und ein mittleres Aufgebot an Polizisten waren für die Veranstaltung abgestellt worden. Am Ende zeigte sich freilich: Niemand wollte der 22- Jährigen bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt mit Publikum etwas Böses.

Mit Strickzeug ausgerüstet oder bereits im Buch schmökernd - die ersten Gäste der Kampusch- Lesung hatten sich schon am frühen Donnerstagnachmittag bei der Thalia- Filiale am Bahnhof Wien- Mitte in Position gestellt. "Ich bin schon seit 14 Uhr hier, aber da war noch nicht so viel los", sagte eine Wienerin namens Silvia. Sie komme ab und zu zu Lesungen, aber das 22- jährige Entführungsopfer interessiere sie ganz besonders. Auch Malerin Eva Fuchs mit Begleitung war bereits Stunden vor der Veranstaltung gekommen, um einen guten Sitzplatz für die Lesung aus "3096 Tage" zu ergattern.

Blümchen statt Unterschrift

Silvia hatte sich ein "signiertes" Buch von Kampusch gekauft. Unterschrift findet man keine im Buch, sondern ein sorgfältig gemaltes Blümchen. "Lieb, das passt zu ihr", meinte Silvia. Beim Warten auf die Lesung habe sie bereits das erste Kapitel gelesen. "Es ist gut geschrieben, sehr interessant die Geschichte über ihre Familie." Silvias Freundin Elisabeth zeigte sich von Kampuschs kämpferischer Natur beeindruckt. "Ihre Art taugt mir sehr", meinte auch Silvia. Elisabeth will sich das Buch nicht kaufen. "Mir reicht, was in der Zeitung steht." Die "Krone" brachte übrigens diese Woche in einer vierteiligen Serie den Vorabdruck (siehe Infobox).

Andere Besucher wünschten sich hingegen noch mehr Information: Renate hatte sich nicht nur das Buch gekauft und bereits angefangen zu lesen, sie hoffte bei dem ersten öffentlichen Auftritt von Natascha Kampusch, ihr ein Geschenk überreichen zu können: Einen Brief mit Fotos und einen tönernen Schutzengel. "Aber es hat geheißen, man darf ihr nichts geben", seufzte Renate.

Ansturm nur auf die Sitzplätze

Der Andrang - der erwartete "Ansturm" kam nicht - nahm erst gegen 17 Uhr zu, als der abgesperrte Bereich im Obergeschoß des Geschäfts für die Lesung geöffnet wurde. Rund 100 Sitzplätze standen zur Verfügung, der Run auf die Stühle war groß. Mit allen Mitteln versuchten die interessierten Besucher, die Securities zur Platzreservierung zu überreden. Sätze wie "Es darf niemand reservieren, auch Sie nicht!" wiederholten die zivilen Ordnungshüter gelassen und gebetsmühlenartig.

Den Unmut der Kampusch- Fans linderte das nicht: "Ich warte seit 14.30 Uhr und jetzt schnappen mir alle die Plätze weg", schnaubte eine ältere Frau. Zwei Stunden vor dem geplanten Beginn der Lesung war jeder Sitzplatz gefüllt, und hinter dem abgesperrten Veranstaltungsbereich hatten sich zusätzlich rund 40 Gäste platziert. Die restlichen Besucher durften die Lesung im Erdgeschoß auf insgesamt fünf Monitoren mitverfolgen.

"Es ist irgendwie wie im Theater"

Natascha Kampusch kam dann um 19 Uhr nach einem kurzen Fototermin begleitet von ORF- Moderator Christoph Feuerstein und ihrer Mutter Brigitta Sirny durch den Notausgang. "Ich bin sprachlos", sagte Kampusch in einem ersten Statement. "Es ist irgendwie wie im Theater. Es ist irgendwie seltsam vor so viel Publikum", so die 22- Jährige. Mehrmals suchte sie lächelnd Augenkontakt mit bekannten Gesichtern, ihre verschränkten Arme verrieten ihre Nervosität.

"Ich wollte ein neues Leben beginnen", begründete Natascha Kampusch beim Gespräch mit Feuerstein zu Beginn der Lesung das Niederschreiben ihrer Erlebnisse in der Gefangenschaft. "Jetzt steht es da drinnen, jetzt muss ich mich nicht mehr damit befassen." Immer wieder schweifte Kampuschs Blick zu ihrer Mutter in der ersten Reihe, besonders wenn es darum ging, dass sie in ihrer Gefangenschaft ihre Familie vermisst. Nach dem Vorlesen einer Textstelle über den Tag der Flucht warf sie Sirny ein breites Lächeln zu. Sie sei sehr stolz auf ihre Tochter, betonte Sirny nach der Lesung. Sie habe schon angefangen, "3096 Tage" auch selbst zu lesen, sei aber noch nicht fertig.

Die Zuhörer der Lesung nahmen Kampuschs Geschichte sichtlich betroffen auf. "Beeindruckend, das hätte ich mir nicht gedacht", sagte ein Geschäftsmann aus der Landstraße. Eine Beratungslehrerin aus Kampuschs ehemaliger Volksschule hoffte, dass mit dem Buch die Vorurteile über das Entführungsopfer abgebaut werden. "Sie ist ein liebes Mädchen", sagte sie. "Ich finde sie großartig und sie soll so weitermachen", meinte eine junge Mutter.

Kampusch konzentriert sich jetzt auf Verfilmung

Kampuschs selbst denkt im Bezug auf ihre Zukunft derzeit besonders an die bevorstehende Verfilmung ihrer Geschichte: "Es ist auch interessant, diese Paranoia des Täters zu zeigen und wie ein Mensch in einem so kleinen Raum leben kann, ohne verrückt zu werden", meinte Feurstein, der durch die Lesung führte. "Es ist eigentlich ein Hollywood- Stoff, aber es wird kein Hollywood, sondern eine deutsche Produktion." Verfilmungsangebote kurz nach ihrer Flucht im Jahr 2006 habe sie aus Angst vor kitschigen TV- Streifen abgelehnt: "Ich habe das damals pietätlos gefunden."

Mit der Zeit habe sie mehr Abstand zu den Geschehnissen gewonnen und könne bei der Entstehung des Drehbuchs mitbestimmen. "Es beruhigt mich, dass ich Einfluss nehmen kann", betonte die 22- Jährige, die in einem beigen Seidenkleid und hohen Stöckelschuhen vor ihr Publikum trat. Ihre auf den Knien ruhenden oder verschränkten Arme verrieten ihre Nervosität. Selbstsicher wirkte Kampusch nur, wenn sie über ihr jetziges Leben in Freiheit sprach: "Immer mehr habe ich gemerkt, dass ich keinen Zugang zu den Menschen habe. Wie denn auch? Mir fehlen ja acht Jahre."

Sicherheits- Resüme: Keine Zwischenfälle

Das große Sicherheitsaufgebot zeigte Wirkung – bzw. war wahrscheinlich für die wohlwollenden und nach der Veranstaltung sichtlich gerührten Besucher sogar überdimensioniert. Es kam zu keinen Zwischenfällen. Auch vonseiten der Polizei, die vor dem Gebäude die Stellung hielt, wurden keine Vorkommnisse berichtet. Und Thalia- Filialleiterin Michaela Bokon war mit dem Verkauf des Buches nach der Lesung zufrieden: "Es läuft sehr, sehr gut."

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