"Krone": Herr Wolf, der Legende nach hat Sie General- Motors- Chef Fritz Henderson am Handy davon informiert, dass der Opel- Deal geplatzt ist. Sie sollen mit Ihrer Tochter beim Heurigen gesessen sein und fassungslos: "Fritz, machst du Scherze?" gesagt haben. Stimmt die Version?
Siegfried Wolf: Wenn man über einen derart langen Zeitraum miteinander verhandelt, dann weiß man, wenn jemand einen Spaß macht oder nicht. Für mich war es so, dass ich mit dieser Wende absolut nicht gerechnet hatte. Nur ein paar Stunden vorher hatten wir noch über den Termin zur Vertragsunterzeichnung gesprochen.
"Krone": Wie hat er Ihnen dann erklärt, dass plötzlich alles anders ist?
Wolf: Er hat gemeint, er ruft mich als Erster an und muss mich von der Entscheidung des Verwaltungsrates in Kenntnis setzen, nicht zu verkaufen. Dies muss man im Geschäftsleben akzeptieren, auch wenn es mir in diesem Fall vielleicht besonders schwerfällt.
"Krone": Mit welchen Worten haben Sie daraufhin Magna- Gründer Frank Stronach die Lage geschildert?
Wolf: Um bei der Wahrheit zu bleiben, hat mich Fritz Henderson gebeten, Frank informieren zu dürfen.
"Krone": Seine Reaktion?
Wolf: Na ja, wenn man so lange einen Weg gemeinsam gegangen ist wie Frank und ich, dann herrscht auch in solchen Situationen eine selbstverständliche Einigkeit in der Vorgangsweise. Wir müssen nach vorne schauen, auch wenn es uns leidtut, dass wir nicht beweisen konnten, was wir mit Opel vorhatten.
"Krone": Manche Beobachter wollen aber auch eine gewisse Erleichterung bei Ihnen bemerkt haben, als Sie die Öffentlichkeit vom abgesagten Opel- Kauf informiert haben?
Wolf: Sicherlich gab es Erleichterung dahingehend, dass der Anspannungsgrad weg war. Aber so ist es nun mal, im Geschäftsleben ist keine Zeit für Enttäuschung.
"Krone": Könnte es nicht sein, dass ein Kelch an Ihnen vorübergegangen ist?
Wolf: Auch wenn manche wohlwollend glauben, wir seien so gut aufgestellt, dass wir uns weiterhin auf unsere Stärken konzentrieren sollten, bin ich immer noch davon überzeugt, dass das Konzept richtig gewesen wäre. Es hat sich gelohnt, dafür zu kämpfen.
"Krone": Kunden wie Volkswagen hätten dann Aufträge an Magna, als neuen Mitwerber, gestoppt. Hatten Sie damit gerechnet?
Wolf: Bei Magna arbeiten wir seit Jahren für unterschiedliche Kunden, denen gegenüber von unserer Seite Loyalität an erster Stelle steht. Daher ist Vermischung von Technologie- Wissen gegenüber den Kunden undenkbar. Zulieferung und Herstellung wären bei uns zwei komplett getrennte Geschäftsteile gewesen. Sollte jemand trotzdem prinzipiell Bedenken haben, dann hat das mit persönlichen Befindlichkeiten zu tun.
"Krone": Man kolportiert eine Summe von 120 Millionen Euro, die Magna für die Verhandlungen investiert hat. Ist die Zahl korrekt?
Wolf: Da ich unsere Zahlen erst selber genau zusammenrechnen muss, kann ich sie nicht bestätigen, aber wir haben sicher viel eingesetzt. Immerhin sind wir vier, fünf Monate mit einer gesamten Mannschaft dahinter gewesen.
"Krone": Ist der Traum vom Auto- Hersteller tatsächlich ein Traum von Ihnen und Frank Stronach, oder sind solche Betrachtungen im Geschäftsleben inakzeptable Gefühlsduselei?
Wolf: Wir stellen ja eigene Autos her, nur unter anderen Marken. Wenn Sie sich den Aston Martin aus Graz anschauen, dann ist das ein ganz tolles Auto. Aber wenn ich jetzt sage, es ist mir eh egal, wenn wir es nicht unter einer Marke machen, an der wir beteiltigt sind, dann wäre das nicht richtig. Ich hätte es gerne bewiesen.
"Krone": Auf Ihrem Schreibtisch liegt ein Stapel Briefe, unter anderem an Ihrem Partner bei der Sberbank, Herman Gref. Ist durch das nicht gelungene Geschäft eine gewisse Missstimmung zwischen den Beteiligten aufgetreten?
Wolf: Im Gegenteil, Magna hat bewiesen, dass wir zuverlässige Partner sind, die Strategien detailliert ausarbeiten und finanzieren können. Natürlich schreibe ich allen Mitstreitern, darunter Herrn Gref von der Sberbank persönlich, dass ich den Ausgang bedaure, aber die gute Zusammenarbeit geschätzt habe.
"Krone": Das heißt, das Konsortium wäre bereit zu neuen Taten?
Wolf: Für das Unternehmen Opel wünsche ich mir, dass es auch General Motors gelingen wird, den Betrieb zu sanieren. Es macht mich auch stolz, dass die "Neue Zürcher Zeitung" erwähnt, dass ein Großteil unserer Strategie übernommen wird.
"Krone": Magna hat nun 500 Millionen Euro in der Kriegskassa, die nicht für Opel reserviert sind. Welche Pläne haben Sie damit?
Wolf: Da halte ich es so wie auch im normalen Leben: Nur weil man sich vorgestellt hat, etwas zu kaufen, muss man das Geld ja nicht unbedingt ausgeben, nur weil das Gewünschte nicht klappt. Man wartet auf die nächste Gelegenheit. Auch die Opel- Beteiligung war nicht geplant.
"Krone": So gesehen, ging es für Sie gar nicht so schlecht aus, weil immerhin Ihr Hauptkunde General Motors weniger gefährdet scheint?
Wolf: Das macht es etwas leichter, denn ursprünglich waren wir ja nicht auf der Suche nach einem Autohersteller, den wir kaufen können. Wir wollten General Motors als Kunden helfen und haben dies über einen gewissen Zeitraum hinweg wohl auch getan. Wir würden das wieder tun.
"Krone": Wie wird sich die neue Situation für die Arbeitsplätze bei Magna und bei Opel auswirken?
Wolf: Für Magna wird sich nichts ändern. Die Technologie, die wir entwickelt haben, werden wir genau so in der Autoherstellung verwenden, vielleicht wäre es bei Opel einfacher gegangen. Für Opel möchte ich nicht sprechen. Man wird allgemein sehen, wie sich die Beschäftigung in der Industrie entwickelt. Wir werden auf neue Arbeitszeitmodelle umsteigen müssen. Die große Aufgabe der Politik in den nächsten Jahren wird es sein, unter den veränderten Umständen weiterhin für soziale Sicherheit und somit Frieden sorgen zu können. Nur muss ich mich sehr wundern, wenn ich die diesbezüglichen Ansätze sehe.
"Krone": Was heißt neue Arbeitszeitmodelle? Kurzarbeit als Normalfall?
Wolf: Wir brauchen flexiblere Modelle, die sich an die tatsächlichen Notwendigkeiten anpassen lassen.