2.000 Leichen
Hölle von Sendai gibt ihre vielen Toten nicht frei
Ein dünner Stecken, voll mit Schlamm - ein anderes Werkzeug ist Sato Sambunska nicht geblieben, um im Vorgarten seines Hauses in Sendai nach Erinnerungen seiner vormaligen Existenz zu stochern. Schicksale wie seines gibt es seit Freitag zu Tausenden - der Tsunami hat alles verschlungen. Gnadenlos. Dort, wo Blumentöpfe standen, ist jetzt nichts als eine Schlamm-Moräne, Autoreifen, Kisten und umgeknickte Baumstämme treiben vereinzelt darin. Vom Dach hängen die Balken, am Horizont steigen die Rauchschwaden empor, ein beißender Geruch liegt über der Desaster-Zone. Das Wort Apokalypse war für die Menschen bisher nichts als ein abstrakter Begriff. Jetzt sind sie mittendrin.
"Wir wissen nicht, wie es weitergeht"
Apathisch sucht der 22-jährige Arbeiter nach seinen Habseligkeiten. "Alles, was wir uns aufgebaut haben, wurde von einer Sekunde auf die andere vernichtet. Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll." Seine Stimme zittert, als er die Reste eines Fußballs aus der braunen Masse zieht.
Doch im Vergleich zu anderen hatte Sato noch Riesenglück - seine Familie überlebte die Apokalypse weitgehend unbeschadet. "Wie viele Leichen sich derzeit unter dem Morast befinden, weiß niemand", erzählt ein erschöpfter Retter. Heerscharen von Einsatzkräften durchforsten die küstennahen Gebiete der Hafenstadt. In orangefarbenen Uniformen, weißen Helmen und mit Schutzmasken vor dem Mund waten die Helfer durch die gefluteten Reisfelder, auf denen sich mancherorts bereits ein dicker Ölfilm gebildet hat. Mit Sensorgeräten und Stangen suchen sie nach Überlebenden, seilen sich von Brücken zu den Opfern ab - doch allzu oft stoßen sie nur auf Leichen. Denn selbst tonnenschwere Fahrzeuge wurden hier wie Matchbox-Autos durch die Luft gewirbelt und von den Fluten in die Tiefe gezogen. Nun, vom Tsunami wieder freigegeben, versperren sie als bizarre Gebilde den Weg.
"Alleine in der Miyagi-Präfektur rund um Sendai gibt es 2.000 Todesopfer zu beklagen", berichtet ein Behördensprecher. 10.000 gelten noch als vermisst, die meisten von ihnen Strandbewohner. Eine halbe Million Menschen verlor von einem Augenblick zum nächsten alles - das Dach über dem Kopf und den Lebensmut.
Beinahe unfassbar in Anbetracht der unvorstellbaren Zerstörung dieser Anblick: Nur wenige Kilometer vom Epizentrum entfernt, im Geschäftszentrum der Metropole, blieben die meisten Häuser und Wolkenkratzer von den Horror-Schüben der Stärke 9 auf der Richterskala verschont.
Strom wird immer wieder abgeschaltet
Rund um den Bahnhof ist die Gegend mit Menschen überfüllt - Flüchtlinge, die es von der Küste hierher geschafft haben, und jene unzähligen Verletzten, die über ihr nacktes Leben hinaus nicht allzu viel retten konnten. Viele tragen Verbände auf den Köpfen, in den Händen halten sie Plastiksäcke mit blitzartig zusammengerafften Habseligkeiten. Stücke, die ihnen die Katastrophe gelassen hat und die sie an ein besseres Leben erinnern.
Immer wieder muss der Strom abgeschaltet werden. Supermärkte und Lokale sind verriegelt, nichts geht mehr. Vor den wenigen offenen Geschäften bilden sich kilometerlange Schlangen. Betagte Pensionistinnen stellen sich ebenso an wie Mütter mit Kindern oder Studenten. Disziplin ist angesagt - dann jedoch, einmal an der Reihe, wird zusammengepackt, was geht. Brot, Wasser, Toilettenpapier. "Nach dem Öl-Schock damals waren das die Dinge, die rasch knapp wurden. Das haben die Leute nicht vergessen", zeigt Tadao Nakamura Galgenhumor. Der 76-jährige Professor für Computerwissenschaften aus Tokio wurde von den Erschütterungen bei einer Taxifahrt überrascht. "Das Fahrzeug sprang auf und ab, obwohl der Lenker gleich die Handbremse gezogen hatte. Die Stahlträger in den Gebäuden haben minutenlang fürchterlich geknirscht. Ich wurde zu Boden geschleudert, habe immer noch Kopfschmerzen", so der Akademiker.
"Der Tsunami rollte direkt auf uns zu"
Der Schock ihres Lebens steht auch der Neuseeländerin Kayla Veenendaal (24) und ihrem Partner Finnbarr Leary (38) ins Gesicht geschrieben. Die Pferdezüchter waren gerade in ihrem Stall in Shinochi, als der Tsunami direkt auf sie zurollte. Das Paar zur "Krone": "Wir konnten die Flut von der Küste her sehen. Der Lärm war ohrenbetäubend. Sekunden später stand alles unter Wasser. Wir sind so froh, dass wir auch unseren Hund 'Mac' retten konnten."
Jetzt wollen die beiden nur so schnell wie möglich weg von hier - wie Tausende andere auch. Ob ihnen die Flucht gelingt, werden die nächsten Stunden und Tage zeigen. Denn in der Präfektur wird die Wahrscheinlichkeit eines vernichtenden Nachbebens mit "mehr als 70 Prozent" bewertet…
von Gregor Brandl und Gerhard Bartel, Kronen Zeitung







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