Weg zu Aufarbeitung

Missbrauch: Klasnic für staatliche Anlaufstelle

Österreich
27.10.2011 12:39
Waltraud Klasnic, Vorsitzende der Opferschutzanwaltschaft, tritt für die Einrichtung einer staatlichen Anlaufstelle für Missbrauchsopfer ein. Die von Kardinal Christoph Schönborn eingesetzte Kommission für Missbrauch im kirchlichen Bereich will bis Ende 2012 einen Endbericht über ihre Tätigkeit vorlegen. Man werde aber auch über diesen Zeitpunkt hinaus - vielleicht in verkleinerter Form - zur Verfügung stehen, betonte Klasnic.

Angesichts der in den vergangenen Tagen und Wochen bekannt gewordenen Missbrauchsfälle tritt Klasnic für die Einrichtung einer unabhängigen Kommission auf Bundesebene ein. "Es braucht eine personifizierte Anlaufstelle im Bund", erklärte sie. Diese Anlaufstelle könnte administrativ bei der Volksanwaltschaft, dem Familienministerium oder dem Bundeskanzleramt angesiedelt sein.

"Das müssen die Verantwortlichen entscheiden. Man braucht jedenfalls eine Person", meinte die frühere steirische Landeshauptfrau. Die von ihr zusammengestellte Kommission würde mit der bereits gewonnenen Erfahrung für eine Zusammenarbeit - wie bereits mit den einzelnen Landeskommissionen - zur Verfügung stehen.

Mitterlehner und Hundstorfer dafür
Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und Sozialminister Rudolf Hundstorfer unterstützen die Forderung Klasnic'. In einer gemeinsamen Pressekonferenz teilten die Minister mit, dass es schon in den nächsten Tagen konkrete Gespräche dazu geben werde. Die beiden Minister sind zuversichtlich, dass man sich bereits innerhalb der kommenden zwei Wochen mit den Ländern und anderen Organisationen einigen werde.

Konkrete Vorschläge aus dem Bundeskanzleramt
Im Büro von Bundeskanzleramts-Staatssekretär und SPÖ-Regierungskoordinator Josef Ostermayer hatte man am Donnerstag sogar schon mit einem konkreten Vorschlag bezüglich einer staatlichen Missbrauchs-Anlaufstelle aufzuwarten: Man würde "die Volksanwaltschaft als zentrale, bundesweite Anlaufstelle sinnvoll finden", so ein Sprecher. Schließlich würden deren Kompetenzen ohnehin demnächst ausgeweitet.

Geplant ist ja ein Verfassungsgesetz, mit dem die Volksanwaltschaft menschenrechtliche Prüfkompetenzen erhält. Einerseits soll der Menschenrechtsbeirat der Ombudsstelle als Beratungsorgan angegliedert werden, andererseits wird die Volksanwaltschaft die Möglichkeit haben, an Orten der Freiheitsentziehung, aber auch in Pflege-, Alters- und Behindertenheimen sowie in Einrichtungen der Jugendwohlfahrt unangemeldete Kommissionsbesuche durchzuführen.

Im Bundeskanzleramt sieht man die Volksanwaltschaft mit Kompetenzen ausgestattet, die auch für eine zentrale Anlaufstelle für Missbrauchsopfer nötig wären. Zudem wäre es "auch im Sinne der Verwaltungsreform", keine neuen Kommissionen zu schaffen, sondern eine "bewährte, bestehende Einrichtung, die jetzt gestärkt wird", damit zu betrauen. Natürlich müsse man dazu mit der Volksanwaltschaft in Gespräche treten, hielt der Sprecher abschließend fest. 

Positive Signale dazu kamen am Donnerstag auch schon von der Volksanwaltschaft. Man sei durchaus bereit, die Aufgabe zu übernehmen, so die derzeitige Vorsitzende der Volksanwaltschaft, Gertrude Brinek.

Empfehlungen der Kommission im Frühling erwartet
Einen Zwischenbericht mit Vorschlägen der wegen des Missbrauchs im kirchlichen Bereich eingesetzten Kommission kündigte Klasnic für den kommenden Frühling an. Empfohlen wird etwa die Bewusstseinsbildung und eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung. Die Kommissionsvorsitzende schlug etwa Selbsthilfegruppen für Opfer bzw. auch für Pädophile vor. Ende 2012 soll dann ein Endbericht vorgelegt werden. Klasnic betonte allerdings, auch darüber hinaus zur Verfügung zu stehen, schließlich sei sie bereits eine "persönliche Vertraute" für viele Opfer.

"Vor 40 Jahren hätte man sich das nicht getraut"
Die nach dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen im früheren städtischen Kinderheim am Wilhelminenberg in Wien angekündigte Kommission begrüßt Klasnic. Dieser Weg zur Aufarbeitung sei "selbstverständlich sinnvoll". Mit anderen Länderkommissionen gebe es auch bereits eine intensive Zusammenarbeit.

Die Klasnic geht davon aus, dass nachdem die Opferschutzanwaltschaft für Missbrauchsopfer in kirchlichen Einrichtungen installiert wurde, auch Betroffene in staatlichen Institutionen oder im privaten Umfeld "mutiger" wurden und um Hilfe ansuchten: "Es ist heute die Zeit so, dass man die Kraft hat, sich nun zu melden. Vor 40 Jahren hätte man sich das nicht getraut."

1.058 Betroffene meldeten sich bei der Kommission
Mit 21. Oktober 2011 haben sich bei Klasnics Kommission 1.058 Betroffene von Gewalt und Missbrauch in der katholischen Kirche gemeldet. Es konnten bisher 435 Entscheidungen getroffen werden, davon 375 Kommissionsbeschlüsse mit 20 Ablehnungen. Seit 31. Mai dieses Jahres gab es 42 neue Meldungen und 120 Entscheidungen. Zum Jahresende 2010 wurden 709 Meldungen und 97 Entscheidungen verzeichnet. Insgesamt absolvierte die Kommission 21 Sitzungen.

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