Inzwischen hat es bei Protesten Tausender Muslime in Afghanistan gegen die mittlerweile erneut abgesagte Koran- Verbrennung in den USA ein erstes Todesopfer gegeben. Der Demonstrant sei vor einem von der deutschen Bundeswehr geführten NATO- Stützpunkt in der nordafghanischen Provinz Badakhshan erschossen worden, teilte ein Provinzsprecher mit. Die Demonstranten hätten den Stützpunkt angegriffen. Offiziellen Angaben zufolge versammelten sich rund 10.000 Menschen nach Gebeten zum Ende des Fastenmonats Ramadan in den Straßen Badakhshans, um gegen die Pläne eines fundamentalistischen Pastors in den USA zu demonstrieren.
Jones hatte am Donnerstag die für Samstag geplante öffentliche Verbrennung von 200 Koran- Exemplaren zunächst abgesagt. Nur wenige Stunden später drohte er, die Entscheidung wieder rückgängig zu machen und sagte, der "Burn A Koran Day" sei nur ausgesetzt. Nun heißt es wieder, die Verbrennung werde definitiv nicht stattfinden.
Vor seiner jüngsten Absage der Aktion begründete Jones das Hin und Her damit, dass sich die angeblichen Voraussetzungen für die Absage der Bücherverbrennung wieder geändert hätten. Sie beruhte nach seinen Angaben auf einer Vereinbarung mit der muslimischen Gemeinde in New York, dass der umstrittene Bau einer Moschee in der Nähe vom Ground Zero doch an anderer Stelle verwirklicht werden soll.
Dieser von Jones proklamierte Kompromiss, in dem dieser ein "Zeichen Gottes" sah, wurde jedoch unmittelbar nach der Verkündung von allen Seiten dementiert. "Wir sind wirklich enttäuscht und sehr geschockt", so Jones. Wenn es stimme, dass das Moschee- Projekt nicht gestoppt werde, habe man "uns ganz klar angelogen".
Am Ground Zero waren am 11. September vor neun Jahren die Zwillingstürme des World Trade Center von islamistischen Terroristen zum Einsturz gebracht worden. Jones, Pastor einer Kirchengemeinde mit nur 50 Mitgliedern, hatte die Koran- Verbrennung aus Anlass dieses Jahrestages angesetzt und damit Empörung in aller Welt ausgelöst. Die fundamentalistische Gemeinde hat erklärt, mit der Verbrennung den Islam als eine "gewalttätige und repressive Religion" entlarven zu wollen.
Der für den Moschee- Bau in New York zuständige Imam Feisal Abdul Rauf hatte die Aussagen des Pastors deutlich zurückgewiesen. "Ich bin sehr überrascht über Ihre Ankündigung", teilte er in einer Erklärung mit. "Wir werden nicht mit unserer noch mit irgendeiner anderen Religion spielen. Noch werden wir einen Tauschhandel treiben." Auch die Entwickler des muslimischen Kulturzentrums "Park51" bezeichneten die Ankündigung als haltlos. "Es ist unwahr, dass Park51 woanders gebaut wird. Das Projekt wird wie geplant fortgeführt", sagte Sharif Al- Gamal, der Planer des Komplexes.
Jones hatte in einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz gesagt, sich in einem Gespräch mit dem Präsidenten der islamischen Gesellschaft von Zentral- Florida, Imam Muhammad Musri, über die Verlegung der geplanten Moschee verständigt zu haben. Dieser habe in Kontakt mit dem Imam der betreffenden New Yorker Gemeinde gestanden. Musri, der die Angaben bei der Pressekonferenz zunächst bestätigte, ruderte später zurück und dementierte, mit Rauf gesprochen zu haben.
"Nach dem, was wir hören, sind wir gezwungen, unsere Entscheidung zu überdenken", sagte Jones daraufhin dem Sender NBC weiter. Da sich die vermeintliche Einigung scheinbar nicht verwirklichen lasse, stehe nun alles wieder am Anfang.
Die von Jones geplante Verbrennung des heiligen Buches der Muslime hat sogar die US- Regierung auf den Plan gerufen. Sogar Präsident Barack Obama hat sich eingeschaltet. Er appellierte an Jones, auf den "zerstörerischen Akt" zu verzichten: "Das ist eine destruktive Geste", die "den Werten Amerikas völlig widerspricht. Das könnte schwere Gewalt an Orten wie Pakistan oder Afghanistan nach sich ziehen". Der US- Präsident zeigte sich besorgt um die Sicherheit der US- Soldaten: "Als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte möchte ich dem Pastor Terry Jones sagen, dass sein Vorhaben unsere Männer und Frauen in Uniform im Irak und in Afghanistan wirklich gefährdet", sagte Obama. "Das ist ein Glücksfall für die Al Kaida, um Leute anzuwerben."
Später war es sogar zu einer persönlichen Kontaktaufnahme der Regierung mit dem Pastor gekommen: US- Verteidigungsminister Robert Gates hatte Jones angerufen, um ihn von der Aktion abzuhalten, weil sie Leben vieler amerikanischer Soldaten im Ausland gefährden würde.
Zuvor schon hatte Jones Besuch vom FBI erhalten. Auch jene drei Männer, die sich beim Verlassen von Jones' Anwesen gegenüber US- Reportern zwar nicht als Bundespolizisten zu erkennen gaben, aber von den Medienvertretern zweifelsohne als klassische FBI- Agenten identifiziert wurden, dürften dem Pastor ins Gewissen geredet haben.
Behördlich gebe es gegen die Aktion jedenfalls kein Vorkommen, wie Rechtsexperten am Donnerstag meinten, da Jones geplante Aktion unter dem Schutz der Meinungsfreiheit stünde. Er wolle mit der Aktion auf dramatische Weise seinem Glauben Nachdruck verleihen, dass der Koran böse sei, weil dieser Gewalt und Radikalismus begünstige, hatte Jones, dessen christlich- fundamentalistische Kirche namens "Dove World Outreach Center" nur etwa 50 Mitglieder hat, gesagt.
"Jegliches Gesetz, das Jones von seinem Vorhaben abhalten soll, würde vom Obersten Gerichtshof der USA als verfassungswidrig erklärt", meinte dazu der Rechtsprofessor Steven Schwinn von der Universität von Chicago. Ein Tatbestand Herabwürdigung religiöser Lehren, wie es ihn etwa in Österreich gibt, existiert im US- Rechtssystem nicht. Schwinn wies darauf hin, dass bereits mehrere bedeutsame Urteile des Obersten Gerichtshofs zugunsten des Rechts auf freie Meinungsäußerung, die im ersten Zusatz ("First Amendment") der US- Verfassung garantiert ist, ausfielen.
Der 58- jährige Jones hat sein Leben dem Kampf für seine fundamentalistische Version eines christlichen Glaubens gewidmet. Seine Botschaft: Der Islam selbst - und nicht nur dessen verzerrte Auslegung durch Radikale - führe zu Gewalt und erfordere deshalb Gegenwehr. Wenig deutete in Jones' bisherigem Lebensweg aber darauf hin, dass er einmal im Zentrum einer internationalen Kontroverse stehen könnte.
Er arbeitete laut US- Medien früher als Hotelmanager. In den vergangenen 30 Jahren reiste er immer wieder als "Missionar" nach Europa. Seit 1996 leitet er die kleine Gemeinde in Gainesville in Florida, die zwischen 30 und 50 Mitglieder zählt. Auf dem 20- Hektar- Anwesen der Kirche ist er oft mit einer Pistole am Gürtel zu sehen, wie Lokalmedien berichteten. Im deutschen Köln hatte Jones einst die freikirchliche "Christliche Gemeinschaft" gegründet, die dann mit ihm brach. Deren Sprecher Stephan Baar berichtete dieser Tage von finanziellen Unregelmäßigkeiten, für die Jones später eine "Wiedergutmachung" gezahlt habe.
Neben Jones' Verwirrspiel sorgt unterdessen auch der New Yorker Unternehmer Donald Trump für Aufregung: Der Milliardär hat der muslimischen Gemeinde im Streit um ihre geplante Moschee nahe Ground Zero ein Kaufangebot gemacht. Er wolle den Muslimen 25 Prozent mehr für das Grundstück zahlen, als sie selbst ausgegeben haben, berichtete der Rundfunksender WNYC am Donnerstagabend. Dafür müssten sie aber zusagen, ihr kulturelles Zentrum mit der Moschee wenigstens fünf Häuserblocks von Ground Zero entfernt zu errichten. Laut WNYC richtete Trump das Angebot schriftlich an einen Finanzier des 100- Millionen- Dollar- Bauprojekts.