Protest-Ikone

Arzt: Islamische Bassij-Miliz hat Neda erschossen

Ausland
26.06.2009 08:22
Im Fall der getöteten iranischen Studentin Neda Agha-Soltan hat ein Arzt die islamische Bassij-Miliz für den Tod der 27-jährigen Frau verantwortlich gemacht. Arash Hejasi, der nach eigenen Angaben bei der tödlich getroffenen Frau Erste Hilfe leistete, sagte dem britischen Sender BBC, die umstehende Menge habe einen der Miliz angehörenden Motorradfahrer als Schützen ausgemacht.

Zuerst seien alle davon ausgegangen, der Schuss sei von einem Häuserdach gekommen, sagte Hejasi, der in Großbritannien studiert. Aber dann hätten die Menschen den Mann auf dem Motorrad entdeckt, ihn gestellt und entwaffnet. 

Schütze: "Ich wollte sie nicht töten"
"Ich habe gehört, wie er sagte: 'Ich wollte sie nicht töten'", sagte Hejasi dem Sender. Die umstehenden Menschen hätten seinen Ausweis genommen und Fotos gemacht, und dann hätten sie ihn laufen lassen, weil sie nicht wussten, was sie sonst mit ihm tun sollten.

Er habe sich entschieden, mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen, weil er nicht wolle, dass die junge Frau umsonst gestorben sei, sagte der Arzt weiter. Er wisse, dass er damit riskiere, nicht in den Iran zurückkehren zu können.

Bassij: Paramilitärische Organisation
Die beschuldigte Bassij-Miliz ist eine den Revolutionsgarden unterstellte paramilitärische Freiwilligenorganisation, die sich nach der islamischen Revolution als "Sittenwächter" betätigte und heute häufig gegen Dissidenten eingesetzt wird. Schätzungen zufolge sind zehn Millionen Menschen Mitglieder der Miliz, das wären 15 Prozent der Bevölkerung.

Abstruse Theorien in Irans Medien
Ultrakonservative iranische Medien hatten am Donnerstag berichtet, eine Untersuchung habe ergeben, dass es sich bei der benutzten Waffe um Schmuggelware handle. Die Zeitung "Watan Emrus", die Präsident Mahmoud Ahmadinejad unterstützt, beschuldigte sogar den inzwischen des Landes verwiesenen BBC-Journalisten Jon Leyne, den Mord für seine Dokumentation in Auftrag gegeben zu haben.

Symbolfigur für den Widerstandskampf 
Neda Agha-Soltan war bei den Protesten gegen die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl erschossen worden. Die Bilder der blutenden und sterbenden jungen Frau, die noch immer nicht zweifelsfrei als echt identifiziert werden konnten, kursieren seit dem Wochenende im Internet und haben aus der Studentin eine Symbolfigur für den Widerstandskampf im Iran gemacht.

Auch Verlobter beschuldigt Bassij-Miliz
Bereits zu Beginn der Woche hatte Nedas Verlobter der BBC gesagt, die Frau habe gar nicht an den Protesten teilgenommen. Sie sei nur zufällig in der Nähe aus dem Auto ausgestiegen. Auch er beschuldigte die Bassij-Miliz, für den Tod seiner Verlobten verantwortlich zu sein. Auf seine Freundin sei "absichtlich" geschossen worden (siehe Story in der Infobox).

Wächterrat weist Wahlbetrug erneut zurück
Indes hat der Wächterrat Regelverstöße bei der umstrittenen Präsidentenwahl erneut zurückgewiesen. "Wir können mit Gewissheit sagen, dass es keinen Betrug bei der Wahl gegeben hat", sagte Wächterrats-Sprecher Abbasali Kadkhodai am Freitag. Es habe schon in der Vergangenheit keine Manipulationen bei Wahlen im Iran gegeben. Die jüngste Präsidentenwahl sei die sogar "sauberste" gewesen, sagte Kadkhodai.

Die Untersuchungen der vergangenen zehn Tage hätten gezeigt, dass es nur "kleine Unregelmäßigkeiten" gegeben habe, "die es bei jeder Wahl gibt". Größere Regelverstöße wurden demnach nicht festgestellt. Der Wächterrat hatte bereits erklärt, die Wahl werde nicht annulliert.

Oppositionsführer Mir-Hossein Moussavi hatte sich beim Wächterrat über das Wahlergebnis beschwert und eine Annullierung der Präsidentenwahl vom 12. Juni gefordert. Am Dienstag legte er einen Bericht zu mutmaßlichen Betrugsfällen vor und forderte die Bildung einer unabhängigen "Wahrheitskommission", die den Wahlvorgang überprüfen soll.

Geistlicher will Todesstrafe für Protest-Anführer
Unterdessen hat ein führender konservativer Kleriker nach den schweren Zusammenstößen der Staatsmacht mit Demonstranten die Todesstrafe für Anführer des Protests gefordert. "Ich rufe die Justiz zu einer deutlichen Konfrontation mit den Anführern dieser illegalen Demonstrationen auf und verlange die Todesstrafe für sie - ohne jede Gnade", sagte Ayatollah Ahmad Khatami am Freitag während einer Gebetszeremonie. Der Geistliche gilt als Vertrauter von Präsident Mahmoud Ahmadinejad. Dessen umstrittene Wiederwahl vor zwei Wochen hatte die Massenproteste im Iran ausgelöst.

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