Mi, 22. November 2017

Fast eine Ikone

02.03.2015 11:59

Mercedes S Coupé: Betörend röhrend, rasend schön

Ein Auto wird heutzutage bald mal als Coupé bezeichnet. Umso herzerfrischender ist es, den Blick über dieses herrliche, große, echte Coupé gleiten zu lassen: Der Mercedes-Benz S 500 Coupé ist wohl eines der schönsten Autos, die es derzeit gibt, sein V8-Biturbo betört darüber hinaus noch weitere Sinne und im doppelverglasten Innenraum scheint die Zeit stillzustehen.

Vor allem die Front- und Seitenansicht sind ein Gedicht. Von der Klingonenschwert-artigen Chromkante unter der Frontschürze über die lange, muskulöse Haube, die fließenden Linien, die konkaven und konvexen Flächen, alles drückt pure Kraft aus, Macht vielleicht sogar. Vielleicht braucht es da die 47 Swarovski-Kristalle pro LED-Scheinwerfer als emotionales Gegengewicht, 17 eckige für das Tagfahrlicht, 30 runde für den Blinker. Etwas Bling-Bling für die weiche Seite im Mann.

Die Seitenscheiben sind (natürlich, möchte man fast sagen) rahmenlos, alle lassen sich versenken, keine B-Säule vernebelt den Charakter. Stilecht nennt man das. Man muss schon sehr genau und kritisch hinschauen, um Stellen zu finden, die dieser Bezeichnung nicht hundertprozentig standhalten: Grenzwertig sind die Auslässe der zweiflutigen Abgasanlage, die als Blenden statt als massive Röhrln ausgeführt sind, fehl am Platz hingegen die senkrechten Lüftungsgitter-Attrappen seitlich darüber. Das mag man bei der A-Klasse noch durchgehen lassen, aber nicht bei einem 200-plus-Tausend-Euro-Auto mit dem Anspruch, eine Ikone zu sein. O tempora, o mores!

Edle Eleganz, aber function follows form
Wir öffnen das Portal, gleiten (Achtung auf den Kopf!) auf den Ledersessel, die Tür wird sanft ins Schloss gezogen - und schon wieder kann sich das Auge nicht sattsehen. Wer braucht Rolls und Bentley? Leder, Holz, mattes Metall, eine Cockpitarchitektur, die ihresgleichen sucht, eingelassene Metalltasten, die sich in einem Bogen um den Drehdrücksteller formieren. Ja, edel, aber vor allem alles harmonisch und interessant gestaltet.

Das "vor allem" ist dabei wörtlich zu nehmen, denn die Bedienelemente dürften die Designer ohne Rücksprache mit Ergonomen verteilt haben. Warum sonst befindet sich der Knopf für die Sitzheizung abseits in der Tür, während der (sicher seltener verwendete) für die Sitzmassagefunktionen griffgünstig auf der Mittelkonsole platziert ist? Der Scheinwerferschalter tief links unten ist abgeneigt, sodass man die Schalterstellung trotz Verrenkung unmöglich erkennen kann. Der Innenraum ist optisch so gelungen, so exquisit, dass man gerne hinschaut, aber das muss man auch, weil blind bedienen geht nicht.

Bei der Vielzahl an Funktionen von der Soundverteilung der Burmester-Anlage bis zur Luftionisierung, von der Navigation bis zur Sitzmassage und den unterschiedlichen (teils aktiven Polstern) ist ein umfangreiches Menü unumgänglich, leider ist es nur wenig übersichtlich angerichtet und schon die Einstellung von Klimafunktionen lenkt mehr vom Straßenverkehr ab, als einem lieb sein kann. Navi-Ziele kann man per Touchpad eingeben, also indem man mit dem Finger Buchstaben auf die Handauflage malt. Aber auch das ist hier relativ umständlich, weil man den Drehdrücksteller dazu immer wieder loslassen muss, statt direkt auf diesem schreiben zu können.

Man schaut nicht nur gern hin, man fasst dank wunderbarer Materialien auch gerne an, jedenfalls solange es nicht kalt ist. In dem Fall ist die metallische Handauflage nämlich ein hartnäckiger Kältepol, der einen noch frösteln macht, wenn der Hintern längst gar ist. Übrigens auch der Unterarm, denn beheizt sind nicht nur die Sitze (mit variabler Wärmeverteilung), sondern sogar die Armauflagen in Mittelkonsole und Tür. Nur der "Handschmeichler" eben nicht.

Und dann fährst du einfach und genießt
Fahren ist im Mercedes S 500 Coupé ein echter Genuss. Der direkteinspritzende 4,6-Liter-V8 schickt ein sportliches, aber nicht aufdringliches Röhren an die Ohren, sogar nach draußen; die Sinfonie wird von zwei Klappen im quer liegenden Nachschalldämpfer intoniert, ob piano oder forte entscheidet die Sporttaste. 455 PS und 700 Nm (ab 1.800/min.) sorgen für standesgemäßen, höchst geschmeidigen Vortrieb. Nach 4,6 Sekunden ist der 2-Tonnen-Bolide auf Tempo 100. Aus der Ruhe bringen lässt sich dieses Triebwerk nicht: Selbst beim Höchsttempo von Tacho 255 km/h dreht es nur bei 3.600 Touren. Kein Wunder, dass der Testverbrauch bei nur 13,3 Liter Superbenzin auf 100 km liegt – inklusive einer (auf deutscher Seite) Vollgasfahrt nach München. Für ein Oberklasseauto dieser Leistungskategorie braucht man also keine eigene Raffinerie mehr im Garten.

Nicht nur in Fahrt, auch im Stand ist der Motor extrem schnell: Die serienmäßige Stopp-Start-Automatik ist perfekt und stört nicht im Geringsten. Da es sich beim Testwagen um die Allradversion handelt, wird per Sieben- statt Neungangautomatik geschaltet. Mir fehlt da nichts. Lediglich ein Segelmodus sollte vorhanden sein.

Der Geräuschpegel ist dabei unglaublich niedrig, Daimler spricht vom leisesten Innenraum eines Serienautos überhaupt – ich bin nicht geneigt zu widersprechen. Es empfiehlt sich der regelmäßige Blick auf Tacho oder Head-up-Display, denn nicht mal beginnende Unruhe verweist auf hohes Tempo, denn es bleibt alles ruhig und stabil, ob im Normal- oder Sportmodus der Luftfederung (optional gäbe es auch noch ein Fahrwerk, das sich aktiv gegen die Kurven neigt). Wird es dann doch mal knapp, packen die Bremsen vertrauenerweckend zu. Sportliche Fahrer werden sich allerdings etwas mehr Härte im Fahrwerk und mehr Verbindlichkeit in der Lenkung wünschen.

Wie eine Jacht auf Mallorca oder in Monte Carlo
Es ist ein ganz schönes Schiff, das S-Coupé. Mit 5,03 Meter Länge kaum kürzer als die normale S-Klasse kann man eigentlich maximal zu zweit unterwegs sein. Schön, dass es hinten eigene Luftausströmer, einen eigenen Mittellautsprecher und ein Fach mit zwei 12-V-Buchsen gibt – sitzen kann man hinten mangels Platz für die Beine nicht. So haben die beiden Rücksitze den Charakter einer Jacht, die etwa auf Mallorca oder in Monte Carlo im Hafen ungenutzt vor sich hindümpelt. Nice to have, aber wozu?

Auch das Rangieren erinnert mich an Bootsmanöver, der Benz ist naturgemäß kein Wunder an Übersichtlichkeit. Dafür gibt es aber Kameras sonder Zahl und einen aktiven Einparkassistenten. Leider ist der Winkel der Frontkamera zu eng, wodurch sie beim Herausfahren aus einer Einfahrt keine wirklich guten Dienste leistet.

Luxus-High-Tech
Was das Coupé nicht alles kann! Beispiele? Es notbremst im Fall des Falles von selbst, erkennt herannahenden Verkehr aus allen Richtungen und reagiert, es parkt, es hat 360-Grad-Kameras, Radar-Tempomat mit Stop-&-Go-Funktion (Radar nicht abschaltbar), Verkehrszeichenassistent (auch für Überhol- und Einfahrverbote), auch ein aktiver Spurhalteassistent, der ins Lenkrad eingreift, ist da. Damit fährt man aber Schlangenlinien, weil man zwischen den Linien pendelt, also schalte ich ihn lieber ab. Interessant ist die Infrarot-Nachtsicht-Funktion, deren Bild man dauerhaft zwischen Tacho und Drehzahlmesser einblenden kann oder die auf Wunsch nur dann erscheint, wenn im Dunkeln tatsächlich ein potentielles Hindernis erscheint. Bei all dem Luxus dürfte aber gerne auch ein in die Tankklappe integrierter Tankdeckel an Bord sein – aber den muss man weiterhin old school aufschrauben.

Bei 156.320 Euro fängt der Spaß an (mit Heckantrieb und Neungangautomatik 10.000 weniger), der Testwagen kommt jedoch auf über 210.000 Euro. Man gönnt sich ja sonst nichts. Wer sparen muss, wird sich diesen Wagen wohl kaum leisten. Im Gegenteil: Eigentlich braucht man auch noch die normale S-Klasse dazu – für den Fall, dass man zwischendurch nicht selbst fahren will. Dann wird man nicht mal mehr vom Straßenverkehr am Entspannen gehindert. Oder an der Arbeit.

Warum?

  • Ein bildschönes, hochkomfortables Fahrzeug
  • Rasend entspannend

Warum nicht?

  • Unpraktische Bedienung

Oder vielleicht …

… Bentley Continental Coupé, Maserati Gran Coupé, aber auch Rolls-Royce Wraith und Mercedes S 63 und S 65 AMG

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