So, 22. April 2018

Amen

04.09.2006 16:51

Gesundheit - die teuerste Weltreligion aller Zeiten

Was für die einen der liebe Gott, ist für die anderen die liebe Gesundheit. „Vieles, was man früher für den lieben Gott tat - Fasten, Wallfahrten und vieles andere mehr -, tut man heute für die Gesundheit", sagte der deutsche Psychiater Manfred Lütz. Für wen leben wir eigentlich so gesund?

Man kann alles übertreiben, auch das gesund Leben. Es gebe Menschen, die lebten gar nicht mehr wirklich, sondern nur noch vorbeugend - um dann gesund zu sterben, so der Autor des Buches "Lebenslust - Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult".  

Kleine Weisheit am Rande: Auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot. Uns alles, was man mit Über- statt Augenmaß macht, schadet eher, als dass es nützt. Lütz macht sogar einen "monströsen Kult der Gesundheitsreligion" aus, spricht gar von "der mächtigsten und teuersten Weltreligion aller Zeiten". 

Da wird der Küchentisch zum Altar des "Diätgottes", das Spinning-Rad zum Rosenkranz, der Fitnesstrainer zum Pfarrer, das Fitnessstudio zur Kirche. Dabei vergisst man immer mehr, dass eigentlich der Körper die Kathedrale ist.

Da hört der Spaß auf
Auch das Blasphemietabu sei in die Gesundheitsreligion abgewandert: Über Jesus Christus könne man in unserer Gesellschaft alberne Scherze machen, aber bei der Gesundheit höre der Spaß auf. Dabei ist Lütz der Auffassung, dass sich unwiederholbarer Lebenszeit beraubt, wer den Gesundheitskult praktiziert.
 

Besonders schlimm ist es, wenn man zum Fanatiker wird und ständig andere missionieren möchte. Wer besessen vom gesunden Essen ist, sollte zumindest seine Umgebung verschonen, wenn er sich schon selbst dem zwanghaften Essverhalten unterwerfen will. Für diesen Zwang, nur Gesundes zu sich zu nehmen, gibt es sogar einen Ausdruck: Orthorexie.

Es muss noch etwas anderes geben
Der Psychiatrie-Professor Klaus Dörner rät: "Wir sollten darauf achten, dass uns immer mindestens ein Gut noch wichtiger ist als Gesundheit. Denn dann kann Gesundheit aus einem Zweck für dieses Gut wieder zum Mittel, zu einem Lebens-Mittel werden - mehr will sie nämlich nicht sein. Wer also gesundheitsbewusst lebt, lebt schon nicht mehr gesund." Klingt kryptisch, steckt aber ein wahrer Kern drin. 

Zum anderen komme es darauf an, dass wir nicht über-, aber auch nicht unterlastet, sondern optimal ausgelastet sind, sagt Dörner. Er konstatiert eine permanente Entlastung von Lasten infolge des Modernisierungsfortschritts, wodurch die meisten Menschen in eine nun wieder krank machende Unterlastung rutschten. "Auf der körperlichen Ebene fördert die muskuläre Unterlastung inzwischen die meisten Zivilisationskrankheiten, wogegen wir - ziemlich vergeblich - eine künstliche Wiederbelastungsindustrie erfunden haben."  

Das alles soll nicht als Ausrede gelten, um komplett ungesund zu leben, aber wer krampfhaft gesund lebt, lebt eher krampfhaft als gesund – und nimmt sich damit Lebensfreude. Und ohne die werden wir ganz von selbst krank...

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