Das freie Wort

395 Hitzetote klagen an – Österreich trocknet aus

395 leere Sessel vor dem Bundeskanzleramt. Jeder steht für einen Menschen, dessen Tod mit der extremen Hitze in Zusammenhang steht. Ein erschütterndes Bild. Österreich trocknet aus. Seit Jahresbeginn fehlen rund 30 Prozent Niederschlag. Die Dürre verursacht in der Landwirtschaft Schäden von einer Milliarde Euro. Wiesen verdorren, Ernten brechen ein, Futter wird knapp. In Kärnten werden regional Ausfälle von 30 bis 70 Prozent gemeldet. Rinder müssen vorzeitig geschlachtet werden. Für viele Bauern geht es längst um ihre Existenz. Während vor dem Kanzleramt der Hitzeopfer gedacht wird, kämpfen Österreichs Bauern um Hilfe. Natürlich muss der Staat jene unterstützen, die in diese Not geraten. Doch Dürrehilfen dürfen nicht zur jährlichen Reparaturrechnung werden. Wer immer nur Schäden bezahlt, statt Österreich auf die nächste Trockenperiode vorzubereiten, verwaltet die Krise, statt ihr vorzubeugen. Die Hitze macht keinen Unterschied zwischen Klassenzimmer und Krankenbett. Jetzt braucht es klare Prioritäten: Klimaanlagen, Wasser speichern, Versorgung sichern und Österreich auf trockene Zeiten vorbereiten. Die Schweiz hat bereits ein nationales Trockenheits-Warnsystem und arbeitet an einer Wassermanagement-Strategie. Wasser ist unsere Lebensader. Regen muss aufgefangen werden, wenn er fällt: in Rückhaltebecken, Speichern und Böden, die ihn aufnehmen und halten können. Moderne Bewässerung gehört ebenso dazu. Österreich hat ein Wasserproblem. Kostbaren Regen einfach davonlaufen zu lassen, können wir uns nicht mehr leisten. Deshalb muss auch die Bodenversiegelung gestoppt werden. Wo Beton und Asphalt Regen am Versickern hindern, fehlt die kühlende Verdunstung – und die Fläche heizt sich zusätzlich auf. Entsiegeln heißt nicht nur kühlen. Es heißt auch Wasser im Boden halten. Auch beim Trinkwasser müssen wir umdenken: Warum kostbares Leitungswasser die Toilette hinunterspülen, wenn Regen- oder Brauchwasser genügt? Während in Wien noch immer Straßen gewaschen werden, müssen andernorts Feuerwehren Gemeinden mit Wasser versorgen. Hier wird Wasser vergeudet – dort wird es zum Notfall. Flüsse und Bäche werden zu Rinnsalen, Grundwasserreserven sinken. Das erste Halbjahr 2026 war in vielen Regionen das trockenste seit Beginn der Messungen. Wir verlieren mehr als Wasser: Lebensräume, Ernten und unsere natürlichen Reserven. Was bleibt, wenn Brunnen versiegen? Was heute auf unseren Feldern vertrocknet, fehlt morgen auf unseren Tellern. Wacht endlich auf im Kanzleramt. Nicht erst, wenn Menschen sterben, Rinder notgeschlachtet werden müssen, Felder vertrocknen und Brunnen versiegen.

Alessandro Ferrari, Wien

Erschienen am Di, 18.8.2026

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