Vizekanzler Babler hatte sich vor wenigen Tagen noch einen Zweier für die Regierungsarbeit gewünscht. Ein schöner Wunsch, fast so rührend wie ein Schüler, der nach einer verpatzten Schularbeit hofft, der Lehrer möge „das Positive sehen“. Nun haben aber nicht die Regierungsmitglieder selbst benotet, sondern Tausende Leser. Das Ergebnis: Durchschnittsnote 4,1 – also gerade noch ein Genügend. Herr Babler selbst schaffte mit einer 4,6 sogar einen der letzten Plätze. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen offenbar nicht nur zwei Notenstufen, sondern eine ganze Portion Realitätsverlust. Vielleicht sollte sich die Regierung künftig weniger mit Eigenlob beschäftigen und stattdessen zuhören. Denn gute Noten schreibt man sich nicht selbst ins Zeugnis – die bekommt man von jenen, die die Leistung beurteilen. Und die Bevölkerung scheint deutlich strenger zu sein als der Vizekanzler mit sich selbst. Ironischerweise hat Chefredakteur Herrmann in seinem Kommentar geschrieben, manche Schüler würden kurz vor der Notenkonferenz noch einmal Gas geben, um ihre Leistungen besser aussehen zu lassen. Der Unterschied ist nur: Schüler werden am Ende vom Lehrer beurteilt. Politiker von den Bürgern. Und die haben diesmal ziemlich genau hingeschaut. Vielleicht sollte Herr Babler künftig mit der Selbstbenotung etwas sparsamer umgehen. Wer sich selbst einen Zweier gibt und dann mit einer 4,6 nach Hause kommt, hat das Prinzip eines Zeugnisses offenbar nicht ganz verstanden.
Mike Payer, Neusiedl am See
Erschienen am Mo, 13.7.2026
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