„Ein Nationalitätswechsel ersetzt keine moralische Positionierung“
Es gibt Wechsel, die beeindrucken. Vereinswechsel, Karrieresprünge, sogar Nationenwechsel. Und dann gibt es jene, die vor allem eines offenlegen: dass man Haltung nicht einfach mit dem Pass mitwechseln kann. Der Fall der für Österreich antretenden Anastasia Potapova ist genau so einer – sportlich interessant, moralisch unerquicklich. Man darf sich freuen: Österreich bekommt eine erfolgreiche Spielerin. Endlich wieder internationale Relevanz im Damentennis, könnte man meinen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt rasch, dass dieser Aufschwung einen unangenehmen Nebengeschmack hat. Denn während russische Raketen ukrainische Städte treffen, entscheidet sich Potapova für eine bemerkenswert elegante Strategie: nichts zu sagen. Schweigen als Stilmittel, Neutralität als Komfortzone. Dass Marta Kostyuk ihr dafür die Hand verweigert, wirkt da fast wie die letzte verbliebene Form von Klartext in einer Disziplin, die sich sonst gern hinter PR-Floskeln versteckt. Kostyuk macht deutlich, was viele nicht aussprechen wollen: Ein Nationalitätswechsel ersetzt keine moralische Positionierung. Oder zugespitzt formuliert: Wer nur das Trikot wechselt, aber nicht den Standpunkt, betreibt kein Bekenntnis, sondern Imagepflege. Der Vergleich mit Daria Kasatkina zeigt, dass es auch anders geht. Sie hat nicht nur die Flagge gewechselt, sondern den Mut gehabt, sich klar gegen den Krieg zu stellen. Das nennt man Integrität. Potapovas Ansatz hingegen lautet: möglichst unauffällig, möglichst folgenlos – und vor allem ohne Risiko. Natürlich kann man argumentieren, dass Athletinnen keine politischen Sprecherinnen sind. Aber wer von globaler Bühne, Sponsorenmillionen und nationaler Repräsentation profitiert, kann sich nicht dauerhaft hinter der Ausrede verstecken, „nur Sportlerin“ zu sein. Diese Form der selektiven Verantwortung ist bequem – und genau das ist das Problem. Österreich darf sich also fragen, was es hier eigentlich gewonnen hat: eine Spielerin – oder eine Leerstelle. Erfolg ohne Haltung bleibt ein glänzender Pokal mit Sprung im Fundament. Vielleicht wäre es ehrlicher, weniger über Siege zu sprechen und mehr über das, was fehlt: ein klares Wort. Denn manchmal sagt Schweigen alles – nur nichts Gutes.
John Patrick Platzer, Rauth
Erschienen am So, 3.5.2026
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