Tendenz steigend

Hunger in der Welt wieder größer geworden

Ausland
16.04.2008 09:52
Der Hunger in der Welt wird zum ersten Mal seit längerem nicht weniger, sondern mehr. Laut dem neuen Agrarbericht der Wissenschaftsorganisation der Vereinten Nationen, der UNESCO, haben mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt nicht genug zu essen. Als Gegenmaßnahme fordert der „Weltagrarrat“ der UNO eine Umstellung der Landwirtschaft auf bewährte Traditionen. Angesichts der Rekordpreise für Weizen, Reis und Soja stehen zunehmend auch die Finanzmärkte am Pranger. Spekulanten seien in ihrer Profitgier Schuld an den weltweit für immer mehr Menschen kaum noch bezahlbaren Grundnahrungsmitteln, meinen Kritiker.

In der Tat lassen sich mit Finanzgeschäften rund um Agrarprodukte derzeit satte Gewinne machen. In die speziellen Agrar-Finanzmärkte fließt immer mehr Geld. Großinvestoren weltweit suchen wegen der Kreditkrise und der Turbulenzen an den Aktienmärkten nach Anlagemöglichkeiten für ihre Milliarden. Je höher die Preise kletterten, desto mehr Kapital wurde angelockt - und ließ die Kurse vor allem seit Ende 2006 immer weiter nach oben schießen.

Historisch sollten Geschäfte für Agrarprodukte den Bauern finanziell helfen. Über die Börse konnten sie ihr Getreide schon vor der Ernte auf dem Papier verkaufen und Geld für nötige Investitionen bekommen. Daraus entstand ein gigantischer Finanzmarkt mit eigenen Börsen. Noch schneller als ohnehin dreht sich die Preisspirale durch eine Eigenheit beim Finanzhandel mit Grundnahrungsmitteln und Rohstoffen; Die Geschäfte müssen mit weit weniger Eigenkapital hinterlegt werden als etwa auf dem Aktienmarkt. Mit relativ wenig Einsatz und hohem Kreditanteil kann auf viel Gewinn gewettet werden. Das lockt Spekulanten in Scharen. Ganz groß dabei: Hedge-Fonds.

„Kaufen sie Zucker – der Preis wird explodieren!“
Auf dem einst für Experten reservierten Markt tummeln sich längst auch Privatanleger. Über Online-Handelsplattformen sind Anlagen in Weizen, Mais & Co. so einfach wie nie zuvor. Die Spekulationslust heizen dort zusätzlich Investmentgurus wie Jim Rogers mit heißen Tipps zum nächsten Trend an: „Jeder von Ihnen sollte soviel Zucker kaufen, wie er kann. Der Preis für Zucker wird explodieren.“ Die Risiken aber sind je nach Geschäft enorm - bis zum Totalverlust.

Wer Ende 2006 über Termingeschäfte in Weizen investierte, konnte sein Geld verdoppeln. Ein Scheffel Weizen erreichte an der CBOT zeitweise den Rekordpreis von rund 13 Dollar (8,2 Euro). Bei Mais oder Soja läuft der Trend jetzt ganz ähnlich.  Der Weltbank zufolge stiegen Lebensmittelpreise in den vergangenen drei Jahren im Schnitt um mehr als 80 Prozent. Doch auch wenn Spekulanten ihren Anteil daran haben, sind grundsätzliche Faktoren vielen Experten zufolge gewichtiger: Das rasante Bevölkerungswachstum schafft mehr Bedarf. Durch mehr Wohlstand etwa in Schwellenländern Asiens steigt zudem die Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln und Viehfutter. Und wegen des Biokraftstoff-Booms landen immer mehr Agrarprodukte im Tank statt auf dem Teller.

„Weltagrarrat“ fordert Rückbesinnung in der Landwirtschaft
Im Kampf gegen Hunger und Armut ist die Antwort der Experten ein „Zurück zu den Wurzeln“. Der „Weltagrarrat“ - ein UN-Projekt ähnlich dem Weltklimarat - fordert in seinem Expertenbericht die Rückbesinnung der globalen Landwirtschaft auf bewährte Traditionen. Herkömmliche Produktionsweisen, angestammtes Saatgut, natürliche Dünger: Was die Wissenschaftler vorschlagen, klingt zunächst rückwärtsgewandt und kommt dennoch einer radikalen globalen Agrarreform gleich. Das Argument der Forscher: Die kapitalintensive Industrieproduktion unserer Nahrungsmittel in ihrer jetzigen Form zerstört Böden, Wasser und Artenvielfalt, trägt zum Klimawandel bei und nutzt einseitig den reichen Ländern.

Drei Jahre lang hatten gut 400 Experten an dem Agrarbericht gearbeitet, unterstützt von namhaften internationalen Organisationen von der Weltbank bis zur Wissenschaftsorganisation der Vereinten Nationen, der UNESCO. Die Ereignisse der jüngsten Zeit haben der Arbeit des Weltagrarrates eine ungeahnte Brisanz verliehen. Wegen der teuren Lebensmittel kam es in armen Ländern zu Plünderungen und Gewalt, Dutzende Staaten haben Exportsperren verhängt oder lassen staatliche Vorräte von der Armee bewachen.

Dass die moderne Landwirtschaft, angefangen vor gut fünf Jahrzehnten, einen „signifikanten Anstieg“ in der Nahrungsmittelproduktion mit sich gebracht hat, erkennen die Experten uneingeschränkt an. „Aber die Vorteile sind ungleich verteilt und haben einen zunehmend unannehmbaren Preis, den Kleinbauern, Arbeiter, ländliche Gegenden und die Umwelt bezahlen müssen“, heißt es.

Auch Agrarsubventionen in EU und USA unter Beschuss
Hart ins Gericht gehen die Experten neben dem Welthandelssystem auch mit den massiven Agrarsubventionen in Europa und Amerika, mit denen die armen Länder nicht mithalten können. „Die ärmsten Entwicklungsländer verlieren in den meisten Liberalisierungs-Szenarien unter dem Strich“, sagt Weltagrarrats-Chef Robert Watson, Chef-Wissenschaftler im britischen Umweltministerium.

Die Europäische Union hat nach Ansicht der Forscher schon einen Schritt in die richtige Richtung getan. Mit der Agrarreform hatten die Europäer im Jahr 2003 beschlossen, den Landwirten - bis auf wenige Ausnahmen - keine direkt an die Produktionsmenge gekoppelten Fördermittel mehr zu zahlen. Stattdessen haben die Bauern heute Umweltauflagen einzuhalten und sich um Tierschutz und Landschaftspflege zu kümmern. Sie erhalten für stillgelegte oder weniger intensiv bewirtschaftete Flächen Geld. Die Anreize für den Umweltschutz müssten nun noch verstärkt werden, fordert Marianne Lefort vom Pariser Institut für Biowissenschaften AgroParisTech.

Ob und was der Weltagrarbericht mit dem sperrigen Namen IAASTD („International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development“) tatsächlich bewirken wird, ist offen. Immerhin 64 Länder haben den Report unterzeichnet, darunter EU-Länder wie Frankreich und Polen, Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien und Entwicklungsländer wie Uganda.

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