Der Spieler schlüpft in "Turning Point: Fall of Liberty" in die Rolle des Arbeiters Donny Carson, der am 10. November 1953 auf einem Stahlgerüst New Yorks mitansehen muss, wie seine geliebte Freiheitsstaue von einer ganzen Armada deutscher Luftschiffe in Schutt und Asche gelegt wird. Feindliche Fallschirmjäger säumen bald darauf den Himmel, während Donny in einer atemberaubenden Anfangssequenz über Stahlträger springend versucht, heilen Fußes den Boden zu erreichen. Sicher gelandet, dreht der einfache Stahlarbeiter dem erstbesten Nazi den Hals um, schnappt sich dessen Gewehr und schließt sich dem amerikanischen Widerstand an.
Klingt spannend, denkt man, schließlich hat man die typischen Weltkriegs-Szenarios ja schon zur Genüge gesehen. Leider muss nach kurzer Zeit jedoch ernüchternd festgestellt werden, dass die Utopie dieser "alternativen Realität" von den Machern kaum weitergesponnen wird. Zwar gibt es die mit ihren Suchscheinwerfern über den Köpfen kreisenden Luftschiffe sowie einige semi-futuristische Waffen, ansonsten ist man von einer eigenen Utopie à la "Bioshock" jedoch weit entfernt.
Auch die Geschichte des einfachen Mannes von der Straße, der – Achtung: Spoiler! - quasi als Ein-Mann-Armee zuerst im Weißen Haus den von den Deutschen neu ins Amt gehobenen US-Präsidenten abgeknallt und anschließend über London mit dem Fallschirm abspringt, um eine die Menschheit in ihrer Existenz bedrohende Atombombe zu vernichten, mutet da etwas befremdlich an – spiegelt aber wohl letzten Endes nur die verklärte Sicht der Entwickler auf den Werdegang eines typisch amerikanischen Helden wider: vom Stahlarbeiter zum Welten-Retter.
Nun könnte man immer noch sagen, dass die Geschichte ruhig hinter den Erwartungen zurück bleiben kann, solange das Gameplay stimmt – schließlich handelt es sich auch "nur" um einen Egoshooter. Aber auch in diesem Punkt enttäuscht "Turning Point: Fall of Liberty": Von gelegentlichen Spreng-Attacken auf Panzer einmal abgesehen, rennt man die meiste Zeit durch dunkle Gassen, U-Bahnschächte oder über Dächer, schießt was das Zeug hält und wirft Granaten. Kleinere Kletter- und Hangel-Passagen bringen nur kurzweilig Abwechslung in die streng linear aufgebauten Level.
Technisch ist der Titel ebenfalls bestenfalls Mittelmaß. Trotz Verwendung der Unreal-3-Engine wirkt die Grafik schlichtweg defizitär, es fehlt an Details. Immer wieder kommt es zudem zu Lade-Rucklern, Clipping-Fehlern und aufpoppenden Texturen. Auch die Steuerung lässt zu wünschen übrig: Dank ungenauer Kollisionsabfrage bleibt man immer wieder an Gegenständen hängen und wird so schnell zum Opfer der meistens zwar wie Kanonenfutter agierenden, aber immerhin schießwütigen KI-Gegner. Das ist vor allem deshalb so ärgerlich, weil die Checkpoints sehr weit auseinander liegen, wodurch die an sich kurze Spielzeit künstlich in die Länge gezogen wird. Dass die musikalische Untermalung sehr gut gelungen ist, vermag angesichts dieser Schwächen dann nur noch bedingt zu trösten.
Fazit: "Turning Point: Fall of Liberty" beginnt grandios, kann das hohe Tempo aber keineswegs halten und bleibt schließlich deutlich hinter den Erwartungen zurück. Die Idee der "alternativen Realität" böte zwar viele Möglichkeiten, eine spannende Geschichte zu erzählen, wird aber mehr schlecht als recht ausgebaut. Die von den Entwicklern vermutlich gewünschte Identifikation mit dem kleinen Mann von der Straße, der die Welt rettet, findet nicht statt. Der Held bleibt ohne Gesicht. Was hingegen bleibt, ist das Gefühl, einen durchschnittlichen Shooter mit mäßiger Grafik und noch dazu zu kurzer Spielzeit gespielt zu haben.
Plattform: Xbox 360 (getestet), PC, PS3
Publisher: Codemasters
Krone.at-Wertung: 62%
von Sebastian Räuchle
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