Inniges Verstehen ist wie ein stilles Lächeln. Nach fast 45 gemeinsamen Jahren brauchen Fiona (Christie) und Grant (Gordon Pinsent), ein Uniprofessor im Ruhestand, nicht mehr viele Worte, wenn sie beim Langlauf über verschneite Felder die winterliche Stille, die alles in Watte zu packen scheint, Seite an Seite genießen oder es sich im Haus gemütlich machen. Selbst Fionas gelegentliche, mild-neckende Anspielungen auf Grants flatterhafte Jahre, als er sein jugendliches Charisma an seinen Studentinnen ausprobierte, können die tiefe Vertrautheit nicht zerstören.
Irgendwann wird die immer noch agile schöne Frau die frisch gespülte Pfanne in den Kühlschrank stellen. Eine lächerliche Unachtsamkeit? Und dann ist es weg, das Wort für "Wein". Wenn sich Dinge nicht mehr benennen lassen, Begriffe zum blanken Nichts zerfallen und das Denken löchrig wird, wird eine schmerzliche Diagnose imminent: Alzheimer. Das Paar begegnet dem drohenden Vergessen gefasst. Fiona will nicht Bürde sein - und sie entscheidet sich schweren Herzens, in ein eigens dafür spezialisiertes Heim zu ziehen.
Ein letztes Mal lieben sie sich, nicht ahnend, dass dies bereits der Beginn eines langen Abschieds ist. Denn nur vier Wochen später erkennt Fiona Grant nicht wieder, ja duldet ihn gerade wie einen fremden Gast. Dafür scheint ihr der stumme Heiminsasse Aubrey (Michael Murphy), der dasselbe Schicksal teilt wie sie, ans Herz gewachsen zu sein. Stille Gesten und Blicke innigen Verstehens bezeugen dies - und kränken Grant zutiefst. Denn sein "Nebenbuhler" scheint einen Zugang zu seiner Frau gefunden zu haben, der ihm, dem Ehemann, längst verwehrt ist. Dabei wollte er immer an ihrer Seite bleiben...
Als der schweigsame Rollstuhlfahrer Aubrey, ebenfalls verheiratet, von seiner Frau Marian (Olympia Dukakis) nach Hause geholt wird, vergräbt sich Fiona in apathischen Trübsinn und trauert wie um einen langjährigen Lebensgefährten. Die völlig verblassende Erinnerung hingegen an ihr fast fünf Jahrzehnte dauerndes Eheleben mit Grant ist nicht mehr als ein Blätterrascheln im Dunkeln. Und Grant, dem es das Herz bricht, seine Frau so leiden zu sehen, trifft die selbstloseste Entscheidung seines Lebens...
Anmutige Verwundbarkeit
"Away From Her - An ihrer Seite", so der Titel des von der kanadischen Schauspielerin Sarah Polley, 28, ("Das süße Jenseits", "Mein Leben ohne mich", "Das geheime Leben der Worte" u. a.) in ihrem Regiedebüt realisierten zwischenmenschlichen Dramas, das auf Alice Munros Kurzgeschichte "The Bear Came Over The Mountain" basiert und von tragischem Persönlichkeitsverlust, einer großen Liebe - und von der schwindenden Kraft der Erinnerung, wenn sich Nebelbänder des Vergessens zwischen die Gedanken schieben, erzählt.
Oscar-Preisträgerin Julie Christie, 1941 in Indien geboren, wo ihr Vater eine Teeplantage leitete, und in jungen Jahren blonde Lichtgestalt in "Dr. Schiwago", sie, die in "Wenn die Gondeln Trauer tragen" von melancholischer Aura umweht durch venezianisches Gassengewirr hastete, von Al Pacino als "wohl poetischste britische Aktrice" betitelt, adelt den Part der Fiona voll anmutiger Verwundbarkeit. Ihr zur Seite: der kanadische Charakterdarsteller Gordon Pinsent in der Rolle von Fionas Ehemann Grant. Michael Murphy und Olympia Dukakis brillieren in der zweiten Paar-Konstellation.
"Du siehst also, ich werde gehen. Aber ich werde nicht fort sein", sagt Fiona einmal zu Grant. Für Oscar Wilde ist die Erinnerung ein Tagebuch, das wir alle mit uns herumtragen. Doch erst das gemeinsame Blättern darin macht das Erlebte so kostbar. ("Away From Her - An ihrer Seite", ab 25. Jänner 2008 im Kino)
Von Christina Krisch, Kronen Zeitung









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