29.11.2007 14:30 |

"Eine Farce"

Sechs Jahre Haft wegen Betrugs für Putin-Kritiker

Ein Gericht in Moskau hat den im britischen Exil lebenden russischen Milliardär Boris Beresowski am Donnerstag in Abwesenheit zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Bezirksgericht sah es als erwiesen an, dass der Geschäftsmann in den 90er Jahren als Miteigentümer der russischen Fluglinie Aeroflot 215 Millionen Rubel, nach derzeitigem Kurs etwa 6 Millionen Euro, veruntreute, wie russische Nachrichtenagenturen meldeten. Der Kritiker von Präsident Wladimir Putin wies die Vorwürfe zurück.

Beresowski erklärte, er werde aus politischen Gründen verfolgt. Beresowski nannte den Prozess in einem Interview mit Radio Moskau "eine Farce". Er betrachte die rund sechs Jahre in Großbritannien, in denen er wegen diverser Verfahren gegen ihn nicht in seine Heimat zurückkehren konnte, als Strafe, sagte er.

In Russland wird gegen Beresowski wegen einer Vielzahl von Straftaten ermittelt. So soll sich der Geschäftsmann 1997 bei der russischen Bank SBS Agro einen Kredit über 13 Millionen US-Dollar (9 Millionen Euro) zum Kauf eines Hauses an der französischen Mittelmeerküste erschlichen haben. Der Kreml-Kritiker wird nach Angaben seiner Anwälte auch beschuldigt, mit Hilfe seines Geldes einen Machtwechsel in Russland herbeiführen zu wollen.

Ehemaliger Putin-Helfer genießt Flüchtlingsstatus
Beresowskis Vermögen stammt aus umstrittenen Privatisierungsgeschäften von russischen Staatsunternehmen in den 90er Jahren. Er galt als Kreml-Insider, der Putin mit zur Macht verhalf, bevor beide zu Gegnern wurden. Moskau bemüht sich seit längerem um seine Auslieferung, die von London verweigert wird. Der bei Putin in Ungnade gefallene Beresowski genießt in Großbritannien Flüchtlingsstatus. "Nach dem Urteil haben wir nun wieder ein Argument, die Auslieferung Beresowskis zu verlangen", sagte Staatsanwalt Alexander Kubljakow. Er hatte auf neun Jahre Haft plädiert.

Beresowski: Putin für Litwinenkos Tod verantwortlich
Die Kluft zwischen Beresowski und dem Kreml ist seit der Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko im vergangenen Jahr in London noch tiefer geworden. Beresowski hat Putin vorgeworfen, für Litwinenkos Tod verantwortlich zu sein. Aus Russland hieß es dagegen, die Tat gehe vielleicht auf das Konto Beresowskis, der damit den Kreml diskreditieren wolle.

Oppositionsführer Kasparow aus Haft entlassen
Ebenfalls Bekanntschaft mit der russischen Gerichtsbarkeit hatte bekanntlich der russische Oppositionsführer Garri Kasparow gemacht, er ist am Donnerstag nach fünf Tagen allerdings wieder aus dem Gefängnis entlassen worden. Der frühere Schachweltmeister kehrte am Nachmittag in seine Moskauer Wohnung zurücke. Präsident Wladimir Putins Herrschaft "trete in eine sehr gefährliche Phase ein, in der sie sich in eine Diktatur verwandle", sagte Kasparow direkt nach seiner Entlassung vor Journalisten.

Kasparow war am Samstag bei einer Anti-Putin-Demonstration seines Oppositionsbündnisses Anderes Russland festgenommen und zu fünf Tagen Haft verurteilt worden. Sein Bündnis wurde von der Parlamentswahl am Sonntag ausgeschlossen, weil das russische Wahlgesetz nur Parteien und keine Bündnisse oder Einzelbewerber zulässt.

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