18.07.2007 10:09 |

Drei tapfere Recken

Hour of Victory

Es ist Weltkrieg, mal wieder, und zwar der Zweite. Die Panzer des Wüstenfuchses brummen vor den Lagern der Alliierten in Afrika und ganz nebenbei schrauben die Nazis an einer Atombombe, um die „Götterdämmerung“ heraufzubeschwören. Doch, wie immer wenn irgendwo der Schuh drück, ist Onkel Sam nicht weit und stellt der gefährlichen Bedrohung im Shooter „Hour of Victory“ drei tapfere Recken entgegen.

Dieses Dreigestirn ist es auch, dass dem Shooter eine ganz persönliche Note verleihen soll. Vor fast jeder Mission hat der Spieler nämlich die Wahl, mit welchem der drei Army-Spezialisten er in den Krieg ziehen möchte. Während William Ross der Mann fürs Grobe ist, der erst schießt und dann denkt, bevorzugt Ambrose Taggert das verdeckte Operieren. Seine Spezialität ist das lautlose Schleichen und Meucheln. Der dritte im Bunde ist Calvin Blackbull, der als Sniper mit einem gezielten Schuss zwischen die Augenbrauen für Recht und Ordnung sorgt.

Jeder der drei Kameraden ist anfangs nicht nur mit der für ihn speziellen Waffe ausgerüstet, sondern verfügt zudem über ganz verschiedene Fähigkeiten. Der kräftige Ross kann etwa sperrige Gegenstände aus dem Weg schieben und zudem recht viel einstecken, während Taggert Schlösser knackt, Zäune durchschneidet oder sich im Dunkeln ungesehen bewegen kann. Bull muss es sich als Scharfschütze natürlich des Öfteren auf Aussichtspunkten bequem machen und kann daher an Seilen senkrecht die Wände hochkraxeln.

So toll diese Unterteilung in der Theorie auch klingt, in der Praxis macht es nur einen unwesentlichen Unterschied, mit welchem der Charaktere man spielt. Das liegt zum einem daran, dass keiner der Soldaten gezwungen ist, mit den ihm anvertrauten Waffen den Level zu bestreiten. Wer mit Taggert etwa nicht mehr Scharfschütze spielen will, greift sich einfach das nächste MG und wechselt zu konventioneller Shooter-Ballerei. Zum anderen unterscheiden sich die Lösungswege der drei Charaktere nur geringfügig. Taggert kriecht durch den Tunnel, Bull klettert übers Dach und Bull geht durch die Mitte – nach wenigen Schritten kreuzen sich die Wege der drei aber wieder. Der von den Herstellern so hoch gepriesene Wiederspielwert fällt somit deutlich geringer aus.

Davon einmal abgesehen, bietet „Hour of Victory“ die gewohnte, aber durchaus solide Shooter-Kost: Mal gilt es schwere Tanks mit dem Panzerschreck abzuwehren, dann darf die Flak besetzt und der Himmel von feindlichen Bombern gesäubert werden. Zwischendurch muss mit einem MG die Stellung gehalten oder die Stromversorgung eines Kommandopostens außer Kraft gesetzt werden. Das Szenario führt einen dabei von den staubigen und verwinkelten Gässchen Afrikas über eine verschneite Burg in der Pfalz – „Wolfenstein“ lässt grüßen – bis ins zerbombte Berlin.

Der Weg dorthin ist allerdings weitaus weniger steinig und schwer als erwartet, was vor allem an der einfach gestrickten KI der Gegner liegt. Masse statt Klasse. Außerdem fallen die Missionen recht kurz aus, was allerdings den positiven Nebeneffekt hat, dass man auch schnell mal zwischendurch eine Runde zocken kann. Einziges Manko: Da es während der Missionen keine Checkpoints gibt, kann es gerade in den höheren Schwierigkeitsgraden zu Frust kommen, wenn der Held wieder von ganz vorne anfangen muss. Wird man getroffen, sollte man daher so schnell wie möglich in Deckung gehen, bis das „Blutrauschen“ – ein rot eingefärbter Bildschirm – wieder verschwindet.

Auch in Sachen Optik kann „Hour of Victory“ nicht mit der Konkurrenz etwa eines „Call of Duty 3“ mithalten. Zwar setzt man wie bei „Gears of War“ auf die Unreal-Engine, von der derzeitigen Referenzklasse ist der Shooter aus dem Hause Midway allerdings ein gutes Stück weit entfernt. Schlecht sieht das Spiel aber nicht aus, vor allem bei der Levelgestaltung wurde viel Liebe zum Detail bewiesen und immerhin laufen die Kämpfe ruckelfrei über den Bildschirm. Der Sound ist ordentlich und kann mit dem einen oder anderen Wumms überzeugen, allerdings muss der Spieler mit deutschen Untertiteln vorlieb nehmen.

Neben der recht kurz ausgefallenen Singleplayer-Kampagne darf zu guter Letzt auch noch online in den Krieg gezogen werden. In drei Modi - Capture the Flag, Team Deathmatch und Verwüstung, bei dem Ziele mit einer Bombe zerstört werden müssen – können bis zu zwölf Spieler gegeneinander antreten.

Fazit: „Hour of Victory“ liefert gute Ansätze, kann das Konzept der drei unterschiedlich spielbaren Charaktere aber nur bedingt in die Tat umsetzen. Am Ende spielt sich „Hour of Victory“ dann doch wie ein recht gewöhnlicher Shooter – solide, aber nicht außergewöhnlich und ohne den gewissen Hang zur Dramatik. Wer des Zweite-Weltkriegs-Szenarios noch nicht überdrüssig ist, darf jedoch gerne einen Blick riskieren.

Plattform: Xbox 360
Publisher: Midway
Krone.at-Wertung: 76%


von Sebastian Räuchle

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