Di, 21. August 2018

Hohes Niveau

20.08.2017 11:39

Mercedes E 220d All-Terrain: Hoch die Achsen!

"Das ist ja gar kein Audi!", staunt die Beifahrerin, als sie nach dem Aussteigen auf dem Weg zur Eisdiele den Mercedesstern auf der rechten vorderen Felge sieht. Das ist weder ein Zeichen für ihre besondere Autoaffinität, noch lässt es vermuten, dass der Daimler mit dem Mercedes E 220 d All-Terrain irgendetwas falsch gemacht hat. Nur dass er vielleicht zu lang damit gewartet hat.

Die meisten denken, wenn es um bei diese Art "Offroad"-Kombis geht, zuerst an den Audi A6 Allroad, obwohl die Gattung von Subaru erfunden und von Volvo salonfähig gemacht wurde. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass mir die Optik mit den Kunststoffbeplankungen zuerst etwas deplatziert vorgekommen ist. Wie Gummistiefel zum Boss-Anzug.

Aber je länger ich mich mit dem Wagen beschäftige, desto stimmiger kommt er mir vor. Es ist nur der emotionale Unterschied zwischen den Normal-Versionen beim Benz größer als bei anderen Marken. Der technische übrigens auch, denn die All-Terrain-E-Klasse kommt als einziger Gummistiefel-Kombi mit serienmäßiger Luftfederung samt Niveauregulierung und kann ihre Bodenfreiheit auf Knopfdruck um zwei Zentimeter erhöhen. Mit insgesamt 15,6 cm thronen wir hier dann also knapp fünf Zentimeter höher als im klassischen T-Modell der E-Klasse (wobei 14 mm auf das Konto der größeren Räder gehen, der Rest auf das des Fahrwerks). Allradantrieb ist sowieso Ehrensache.

Das hohe Niveau reicht für leichtere Abseits-Ausflüge auf grobem Untergrund, in Rallye-Manier über Stock und Stein rauschen geht sich aber nicht aus - ab 35 km/h geht die Luft aus den je zwei Kammern und je drei Kammern der hinteren Luftfedern wieder raus, weil sonst die Dämpfer leiden würden. Dafür müsste man auf den GLE umsteigen, der ein paar Tausender mehr kostet und ein SUV ist.

Keine Abstriche zur normalen E-Klasse
Wer hie und da nicht im Gelände unterwegs ist (Achtung, Ironie!), erfreut sich erst recht an den adaptiven Dämpfern, weil die je nach Fahrmodus komfortables Gleiten ebenso ermöglichen wie eine härtere Gangart. Insgesamt fühlt sich der All-Terrain subjektiv eine Spur härter.

Das ganze Fahrgefühl ist natürlich das der E-Klasse und damit ganz hervorragend, bis hin zur Lenkung, die mit sehr gelungener Abstimmung eine herrliche Souveränität vermittelt und bei aller Direktheit ein sattes Gefühl.

Mit Souveränität nicht gar so weit her ist es beim Motor, auch wenn ihm - nüchtern betrachtet - nicht viel vorzuwerfen ist. Klar klingt er manchmal angestrengt, aber als Zweiliter-Vierzylinder tritt er mit 194 PS sowie 400 Nm (ab 1600/min.) kräftig an und lässt es nie an Leistung missen, zumal die Neungangautomatik einen guten Job macht. Akustisch will man halt eher etwas Sonoreres haben, sprich: sechs Zylinder (gibt es neuerdings auch für den All-Terrain). Aber 8,0 Sekunden für den Standardsprint und ein Normverbrauch von 5,2 l/100 km sind gute Werte für den 1845 kg schweren Allradler und machen einiges wett.

Eleganz im Innenraum
So burschikos der E-All-Terrain außen daherkommt, so elegant bleibt er im Innenraum. Da gibt er ganz die teure E-Klasse, ohne einen auf hemdsärmelig zu machen. Das ist auch gut so bei einem Einstiegspreis von 62.430 Euro bzw. einem Testwagenpreis, der knapp die 90.000 überschreitet. Besonderer Blickfang ist das riesige Display, das unauffällig eigentlich aus zwei einzelnen besteht und sich aus dem Tachobereich bis in die Mittelkonsole zieht. Die grafische Darstellung ist wunderschön und ein echter Gewinn im Vergleich zu früher. Man merkt, sie haben in Stuttgart alle Register gezogen, um hier in Führung zu gehen, inklusive zwei berührungssensitiven Gleittasten am Lenkrad (wie beim Blackberry). Der Schönheitspreis hilft mir aber wenig, wenn die Bedienung an sich etwas umständlich gelöst ist. Die Pop-up-Menüs befinden sich ganz am rechten Rand des Bildschirms, was den Blick des Fahrers weit von der Strecke nimmt. Gleitsichtbrillenträger tun sich wegen der Entfernung besonders schwer.

Fährt (wie) von selbst
An Assistenzsystemen ist auch der All-Terrain (vor allem gegen Aufpreis) nicht arm, die E-Klasse ist beim teilautonomen Fahren weit vorne mit dabei und kann sogar selbsttätig die Spur wechseln, wenn man den Blinker setzt. Wird man gerade selbst überholt, zieht der Wagen nicht hinüber, schaltet das Autonomprogramm aber ab. Im Gegensatz zu einer früheren Version wird der Fahrer aber akustisch gewarnt.

Unterm Strich
Dem Mercedes All-Terrain kann man sich aus zwei Richtungen nähern. Aus SUV-Sicht ist er sozial betrachtet die vernünftigere, unverdächtige Variante. SUVs boomen zwar noch immer, immer öfter werden sie aber als Spritschucker stigmatisiert. Aus der Richtung E-Klasse T-Modell kommend, bekommt man einen eleganten Kombi, der einem nicht grundsätzlich zu schade sein muss, wenn der Asphalt nicht bis ans Ende reicht. 5000 Euro Aufpreis muss einem das wert sein, aber das ist schon inklusive Luftfederung, Höherlegung, 19-Zoll-Räder und natürlich dem ganzen Offroad-Klimbim.

Wer sein Eis im Auto essen möchte: Die Sitze sind dank serienmäßigem Kunstleder grundsätzlich abwischbar. Nach dem Wanderausflug gilt aber vor dem Einsteigen: Hax'n abkratz'n!

Warum?

  • Dank Luftfederung und Niveauanhebung recht geländegängig
  • Kein SUV

Warum nicht?

  • Niveauanhebung nur bis 35 km/h

Oder vielleicht …

… Mercedes GLE, Mercedes E-Klasse T-Modell, Audi A6 Allroad, VW Passat Alltrack, Volvo V90 Cross Country

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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