Sa, 20. Oktober 2018

"Krone"-Interview

19.07.2017 08:32

Paddy Kelly: Endlich zu sich selbst gefunden

Michael Patrick Kelly ist erst 39 Jahre jung, befindet sich aber bereits in der dritten wichtigen Phase seines Lebens. Nach sechs Jahren im Kloster kehrte er vor zwei Jahren ins Showbusiness zurück, auf seinem neuen Album "iD" hat sich der Vollblutmusiker endgültig gefunden. Mit uns sprach Kelly über die Gründe, warum er kein Teil der Kelly Family-Reunion ist, wie die Jahre voller Askese sein Leben veränderten und weshalb die letzten Worte eines Menschen unheimlich viel Schönheit in sich tragen.

Das große Comeback der Kelly Family samt Hallentour 2018 und der etwaigen Chance auf ein weiteres Studioalbum hat die Musikwelt im deutschsprachigen Raum zum Jubeln gebracht. Die Kartenverkäufe gingen durch die Decke, Angelo Kelly und Co. wurden medial herumgereicht und allerorts herrscht frohgemute Nostalgie. Dabei ist die große Rückkehr nicht ganz vollständig, denn mit Maite und Paddy fehlen zwei essenzielle Bausteine des einstigen Welterfolgs. Die beiden haben anderweitige Pläne und stehen zumindest vorerst nicht für die große Reunion zur Verfügung. "Die klassische Kelly-Besetzung war die der 1990er-Jahre", erzählt uns Michael Patrick, wie sich Paddy heute nennt, im "Krone"-Interview, "ich habe von Anfang an gesagt, dass alle dabei sein müssen, um das ordentlich durchzuziehen."

Suche nach sich selbst
Innerfamiliäre Probleme sind nicht schuld daran. "Ich bin nicht der Typ, der in einen laufenden Zug einsteigt, sondern jemand, der seine eigene Lok zum Starten bringt. Ich habe ein neues Album und bin die nächsten eineinhalb Jahre sehr viel auf Tour. Es ist klar, dass die anderen nicht alles wegen mir nach hinten verschieben können und ich wünsche ihnen nur das Beste. Ich freue mich, dass die großen Songs von damals auch heute noch Erfolg haben können." Paddy ist aber auch alleine sehr erfolgreich unterwegs. Das unlängst veröffentlichte Studiowerk "iD" ist das zweite Album seit seiner Rückkehr ins Musikgeschäft vor zwei Jahren - und zeigt den 39-Jährigen von seiner persönlichen und verletzlichen Seite. "Das Album ist eine Auseinandersetzung mit der Frage von Identität. Ich habe aufgrund meiner Vergangenheit keine kulturellen Wurzeln, weil wir immer unterwegs waren, dafür spreche ich mehrere Sprachen und habe schon als Kind die Welt gesehen. Mir stellte sich immer schon die Frage, wer ich denn eigentlich bin."

Diese Suche führte Kelly 2004 für sechs Jahre ins Kloster. Direkt nach Veröffentlichung seines nur mäßig erfolgreichen Solodebüts "In Exile" wagte er den Schritt im französischen Burgund. "In den ersten Monaten war die Stille nur schwer zu ertragen. Ich bin Musiker und war mein Leben lang von Klängen umgeben - plötzlich beginnt dein Tag um 6 Uhr morgens mit 45 Minuten stillem Gebet, bei dem du in der Kapelle kniest. Im Kloster bist du in der Vergangenheit und in der Zukunft, aber nur sehr selten im Hier und Jetzt. Das musste ich erst lernen und dafür war Askese notwendig. Künstler leben nach Inspiration, Mönche nach der Glocke. Immer, wenn es läutete, gab es Essen, das Abendgebet oder einmal wöchentlich ein Fußballspiel. Im Endeffekt war es eine Wahnsinnserfahrung, aber ich bin nicht für dieses Leben geboren. Ein Mitbruder sagte mir am Ende, er hätte sich sehr gewundert, dass ich es überhaupt solange dort ausgehalten hätte."

Unvoreingenomme Gleichheit
Die ruhigen Tage der Einkehr schätzt der Sänger noch heute, im Kloster reifte nicht nur sein Geist, sondern änderte sich auch die komplette Sichtweise auf das Leben. "Das Showbusiness hat sehr viel mit Schein und Täuschung zu tun, deshalb mache ich noch heute Einkehrtage in Klöstern, wo ich komplett offline bin. Zudem habe ich ein tägliches Meditations- und Gebetspensum. Im Kloster war ich mit mir im Reinen und glücklicher als überall sonst. Es ist egal, wer du bist und wie du aussiehst. Niemand hat Geld, jeder steckt in derselben Kutte. Erst spürst du den Verzicht, aber mit der Zeit entdeckst du den Gewinn daraus. Es ist kein materieller Besitz, sondern das Gefühl von Glück, Frieden und Freude. Das kannst du nicht bei Amazon bestellen. Mein heutiges Leben ist ein Riesencocktail aus drei großen Lebensphasen."

Diese unterteilt Kelly in die Phase mit der Kelly Family, jene im Kloster und die Gegenwart, als Musiker und Familienmensch. "Zuerst war da das Vagabundenleben. Geboren in einem Campingwagen, musizierend auf der Wiener Kärntnerstraße und dann plötzlich vor Hunderttausenden Menschen live auf der Donauinsel. Walt Disney wollte unsere Geschichte mit der Kelly Family sogar verfilmen, aber mein Vater lehnte ab." Nach der Einkehr im Kloster folgte das neue Selbst. "Ich habe nun drei Hauptelemente in meinem Leben: die Musik als Solokünstler, der Glaube und meine Ehe. Wenn zwischen Himmel und Erde ein Bogen gespannt ist, dann habe ich dazwischen meinen Fels in der Brandung."

Das Problem Gier
"iD" ist das Ergebnis aus einem knapp 40 Jahre andauernden Leben, dessen Ereignisse anderswo Jahrhunderte verschlingen würden. 40 Songs hat Kelly für das neue Album geschrieben, 20 davon produziert und die besten 14 landeten schlussendlich auf dem Endprodukt. "iD" sieht der irisch-amerikanische Doppelstaatsbürger nicht als autobiografische Abhandlung, sondern als Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Themenkomplexen. "How Do You Love" dreht sich darum, wie man am besten liebt, "Golden Age" ist ein Aufruf an die goldene Vergangenheit und ein Rückblick auf das Schöne und "Land Of Bliss" behandelt den ewigen Kampf zwischen Gier und Liebe. "Laut einer Studie gibt es 62 Menschen, die mehr als die Hälfte des kompletten Weltvermögens besitzen. Ganz vorurteilsfrei traue ich mich zu behaupten, dass ihre Liebe zu Geld wichtiger zu sein scheint als die zu Menschen. Die Gier nach Macht, Anerkennung und Reichtum ist das elementarste Problem der Menschheit."

Für die Aufnahmen verbrachte Kelly ein halbes Jahr in London, um in den Studios von David Bowie, Pete Townshend oder Mark Knopfler Musikgeschichte zu atmen und sich inspirieren zu lassen. Besonders stolz ist er auf den Albumcloser "Last Words", der sich um die letzten Worte vor dem Tod dreht und aus Zitaten berühmter Menschen besteht. "Steve Jobs hat am Sterbebett über seine gesammelte Familie hinweg in die Ferne gesehen und 'Oh, wow' gesagt - das wurde mein Refrain. Frank Sinatra sagte 'I'm lovin‘ it', Lenin lobte seinen Hund, weil er ihm eine Maus brachte und Marie Antoinette trat in der Guillotine versehentlich auf den Fuß ihres Henkers und entschuldigte sich, bevor sie starb. Diese unterschiedlichen letzten Worte von berühmten Menschen haben mich schon lange fasziniert, jetzt konnte ich sie endlich umsetzen."

Zweimal live in Österreich
Kelly ist vom Karriereende so weit entfernt wie nie zuvor und hat sich längst mit seiner Vergangenheit ausgesöhnt. "Dass in unserer Familie Geschäftliches und Privates immer vermischt waren, war natürlich schwierig, aber ich habe der Kelly Family sehr viel zu verdanken, auch wenn ich heute kein Teil mehr davon bin." So kommt Michael Patrick Kelly nun zweimal solo nach Österreich. Am 18. und 19. August ist er einer der Headliner des Linzer Kronefestes, am 10. Mai 2018 kommt er in den Wiener Gasometer. Dorthin musste das für die Arena konzipierte Konzert aufgrund der großen Nachfrage verlegt werden. "Ich liebe dieses Land und bin sehr oft in den Bergen. Mein Vater hat mir übrigens erzählt, dass ich in Wien gezeugt worden bin, weil ich neun Monate später in Dublin auf die Welt kam", fügt er lachend hinzu, "erzeugt bin ich also in der Stadt der Musik, geboren in der Stadt des Guinness". Die besten Voraussetzungen für eine große Konzertparty. Alle Konzertinfos und Karten bekommen Sie unter www.michael-patrick-kelly.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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