Do, 21. Juni 2018

Jazzfest Wien

08.07.2017 10:33

Little Steven sorgte für Revolte in der Staatsoper

Die Staatsopern-Konzerte im Rahmen des diesjährigen Wiener Jazzfests wurden Freitagabend mit Little Steven und den famosen Disciples Of Soul beschlossen. Der bekannte Schauspieler und Gitarrist von Bruce Springsteens E-Street-Band will es mit 66 noch einmal wissen und zelebrierte knapp zweieinhalb Stunden lang Rock- und Bluesmusik in ihren unterschiedlichsten Facetten. Das brachte kurz sogar Unruhe in den ehrwürdigen Saal.

Eine gute halbe Stunde Party war bereits im Gange, doch mitten im sechsten Song "Until The Good Is Gone" musste Little Steven das Set kurz unterbrechen. Die fleißigen Staatsopernmitarbeiter versuchten wiederholt pflichterfüllend die Anwesenden zum Hinsetzen zu bewegen, scheiterten aber mehrmals am Widerstand der Fans. Irgendwann wurde es dem 66-jährigen Bandleader zu bunt und er schickte die Ordner einfach weg. Es war die wohl sinnbildlichste Szene für das Missverständnis "Künstler und Location", denn auch wenn sich der legendäre Gitarrist von Bruce Springsteens E-Street-Band ehrfürchtig zeigte: echter Rock'n'Roll lässt sich auch nicht von langjähriger Tradition verhindern.

Triumphzug
In den letzten Jahren zeigten jazzfremde Künstler wie Paul Weller oder die Pet Shop Boys, dass man das "Erste Haus am Ring" würdevoll entstauben kann, Little Steven reihte sich souverän in diese Riege ein. Das Konzert selbst war ein einziger Triumphzug. Fünf Jahre nach seinem letzten Österreich-Gastspiel mit Bruce Springsteen im Happel-Stadion brillierte er mit seiner famosen 14-köpfigen Band The Disciples Of Soul, und kreuzte dabei erfolgreich alle Genres, die ihm schon immer wichtig waren. Mit dem Titeltrack seines hervorragenden neuen Albums "Soulfire" erinnerte er stark an den Boss, das Etta James-Cover "The Blues Is My Business" ließ Trompeten, Saxofon und Hammond-Orgel erstmals den nötigen Raum zum Solieren und das sensationelle "Standing In The Line Of Fire" begeisterte mit Western-Feeling und einer ungeahnt makellosen Stimmleistung des piratentuchtragenden Frontmannes.

Optisch ist Steven Van Zandt irgendwo zwischen Jack Sparrow und Quireboys-Sänger Spike Gray einzuordnen, musikalisch konnte er trotz abwechslungsreichem Set aber nicht verleugnen, dass er seit mehr als vier Dekaden mit seinem Freund Springsteen durch die Weltgeschichte tourt. Immer dann, wenn sich ein kurzer Ausflug ins Improvisiert-Kompromisslose anbahnte, gab es doch wieder Raum für die große musikalische Geste. Drei Backgroundsängerinnen, ein Percussionist und die fünfköpfige Bläsersektion sorgten für das Unterbett eines pompösen, für die Staatsoper manchmal aber etwas zu überdrehten Sounds, der leider nie die für diese Halle perfekte Tonalität traf. Little Steven hatte sich mit einem exklusiven DJ-Set im Wiener Hard Rock Café schon tags zuvor vorbereitet, und zeigte sich im "Krone"-Interview durchaus nervös. "Es ist eine unheimliche Ehre für mich, auf dieser Bühne zu stehen, die von so vielen Legenden besucht wurde. Ich bin aber auch der felsenfesten Meinung, dass der Rock’n’Roll die Klassik unserer Zeit ist."

Erfolg auf vielen Ebenen
Es ist ein Kuriosum, dass Steven Van Zandt seine Prominenz hierzulande der Schauspielerei verdankt, obwohl er damit erst Ende der 90er-Jahre begann. Zuerst als Silvio "Sil" Dante in der x-fach preisgekrönten Serie "The Sopranos", später als Zeugenschutzprogrammflüchtling im norwegischen "Lilyhammer". Als Autodidakt ohne Angst vor neuen Aufgaben erreichte er auch auf diesem Wege Kultstatus. Das Bewusstsein, dass er ein seit Jahrzehnten erfolgreicher Rockmusiker ist, der einst das Hauptriff zu Springsteens Kulthit "Born To Run" schrieb, das muss er sich auf dem alten Kontinent nun mühsam erarbeiten. "Es war mein Fehler, dass ich vor gut 25 Jahren aus dem musikalischen Rampenlicht verschwand, aber ich will mich jetzt zurückmelden. Ich weiß, dass es mehrere Touren in Europa brauchen wird, aber immer dann, wenn Bruce und die E-Street-Band pausieren, werde ich mit den Disciples Of Soul unterwegs sein."

Dass es überhaupt zu dieser Tour und dem dazugehörigen Album "Soulfire" kam, war eher dem Zufall geschuldet. "In den 80er-Jahren war ich sehr politisch, konnte damit einiges bewegen und habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Danach war das Kapitel für mich beendet. Irgendwann kam jemand auf mich zu, weil er mich für ein Blues-Festival engagieren wollte. Plötzlich haben wir dann 20 Songs geschrieben und die Band zusammengestellt. So schnell kann es gehen." Für Rock-Fans ist das "Comeback" von Little Steven ein Geschenk, wie ein Wurlitzer spielte er sich Freitagabend in Wien durch ein buntes Potpourri unterschiedlichster Stile. Roots, Blues, Rock, Doo-Wop oder das musikalisch sensationell ausgedehnte James Brown-Cover "Down And Out In New York City" mit Blaxploitation-Einflüssen der legendären 70er-Actionfilme sorgten für Begeisterung.

Mühen des Frontmanns
Obwohl Van Zandt mit sehr viel Charme und Witz durch das Programm führte, behagt ihm die Rolle des Frontmanns noch immer nicht, wie er im Interview lächelnd zugab. "Am Wohlsten fühle ich mich als Produzent, wo ich nicht einmal irgendwo auf der Bühne stehen muss. Aber gut, das gehört zum Geschäft dazu. Ich weiß, was ich zu tun habe und werde wieder besser darin. Es gibt Videos von mir aus dem Jahr 1979, wo ich sehr souverän und selbstsicher war, dort will ich wieder hin. Als Frontmann einer Band, für die die Menschen viel Eintritt zahlen, habe ich eine Verantwortung zu tragen." Diese erfüllte er zumindest in Wien bravourös. Selbst ein etwas eigenwillig in das Set eingestreute Reggae-Medley passte wie die Faust aufs Auge und mit den Rockhits "Ride The Night Away", "I Don't Want To Go Home" und "Out Of Darkness" fuhr er im allerletzten Drittel noch mal alle Geschütze auf. Little Steven kommt bestimmt wieder - das nächste Mal hoffentlich auch im dafür passenden Rahmen und ganz ohne Revolte.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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