14.04.2017 07:34 |

Eisiges Wunderland

Antarktis: Frühstück bei Pinguinen

Eis, wohin das Auge blickt: Inseln, verborgen unter einem dicken Panzer aus Eis. Tafeleisberge, gigantisch hoch und viele Hunderte Meter lang, Meereis bis zum Horizont. Darüber ein weiter Himmel in einem Blau ohnegleichen. Die Antarktis, das Ende der Welt, ist ein eisiges Wunderland. Menschenleer, aber voller ungewöhnlicher Tiere.

Wenn der Motor des Schlauchboots abgestellt ist, ist es still in Cierva Cove, einer Bucht im Norden der antarktischen Halbinsel. Zumindest, was die gewohnten Geräusche betrifft. Denn das Eis ist nicht still: Mit donnerndem Krachen bricht es beim Kalben von den Gletschern in die Tiefe, knirschend reiben sich die Eisschollen aneinander, im letzten Stadium lösen sie sich flüsternd und glucksend im Meerwasser auf.

"Das Flüstern kommt von Tausende Jahre alten Luftbläschen, die vom schmelzenden Eis freigegeben werden", erklärt unser Expeditionsleiter Arne Kertelhein. Luftbläschen aus einer Zeit, als auch bei uns in Europa die Gletscher das Land bedeckten, wie heute den sechsten Kontinent Antarktika. "In der Antarktis sind wir noch mitten in der Eiszeit." Dorthin gebracht hat uns die "Hanseatic", ein Eisbrecher der Luxusklasse. Das Fünf-Sterne-Schiff von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, ausgerüstet mit der höchsten Eisklasse für Passagierschiffe, war im argentinischen Ushuaia gestartet. Klein und wendig - es können maximal 175 Passagiere in den großzügigen Außenkabinen und Suiten untergebracht werden - wird die "Hanseatic" ihrem Ruf als Expeditionsschiff gerecht.

Dazu gehört auch, dass sich die Crew um Kapitän Carsten Gerke nach den Gegebenheiten und nicht nach einem starren Fahrplan richtet. Vor den Falkland-Inseln etwa verhindern Sturmböen mit bis zu 50 Knoten die Einfahrt in den geschützten Hafen von Port Stanley. Wir kreuzen einen Tag vor der Küste, schließlich hat Petrus ein Einsehen und beschert uns einen wunderschönen Tag auf diesem Fleckchen England mitten im Südatlantik - inklusive der ersten Pinguinkolonie in der Gypsy Cove.

Frühstück im Freien
Dann nimmt die "Hanseatic" Kurs auf Südgeorgien. Zwei Tage sind wir auf hoher See unterwegs. Da zeigt sich die Crew in Hochform. Aufgetischt wird vom Feinsten: Riesenkrabben, Kaviar, perfekt gebratene Steaks. Allein das Frühstück an Deck - ja, gut eingemummt in warme Anoraks lässt es sich in der Antarktis tatsächlich im Freien frühstücken - ist jeden Tag wieder ein Genuss.

Mit Yvonne aus Vorarlberg und dem Tiroler Manuel sind auch zwei Österreicher in der Servicemannschaft: das lässt gleich heimatliche Gefühle aufkommen. Butlerin Helene aus dem Burgenland verwöhnt die Gäste in den Suiten, und auch auf der Brücke ist Österreich, mit dem Navigationsoffizier Walter Kreutzer aus der Steiermark, gut vertreten. Er erklärt - inzwischen in perfektem Hochdeutsch - Neugierigen gerne, was zum Steuern des Schiffes notwendig ist.

Begleitet wird das Schiff von zahlreichen Tieren: Erste Finnwale tauchen auf, Riesensturmvögel, Sturmschwalben, Raubmöven, Albatrosse und sogar die fast schneeweißen Wanderalbatrosse, mit einer Flügelspannweite von über dreieinhalb Metern, sind mit dabei.

Starke Dünung macht jedoch die mit Spannung erwartete erste Anlandung auf Salisbury Plain in Südgeorgien zunichte. Aber Kapitän Gerke weiß sich zu helfen und so kommt es zu einer doppelten Premiere: Erstmals legt die "Hanseatic" in der geschützteren Posession-Bay an und die erwartungsvollen Passagiere werden mit Zodiacs, den großen Schlauchbooten, erstmals an Land gebracht.

Strenge Regeln an Land
Die Regeln dafür sind streng: Es dürfen nie mehr als 100 Besucher gleichzeitig an Land sein, zu den Tieren muss ein Abstand von mindestens fünf Metern eingehalten werden. Nichts darf an Land zurückgelassen und nichts mitgenommen werden. "Auch keine Feder und kein Steinchen", mahnt Kertelhein.

Wir kommen in eine andere Welt. Weiße Gischt schlägt an den schwarzen Strand, auf dem ein Empfangskomitee aus Pinguinen und Seebären wartet. Es geht rund an Land. Die Seebären, eine Robbenart und wahre Paschas mit entsprechendem Gehabe, passen auf ihren Harem auf und zeigen auch schon einmal ihre gar nicht so niedlichen Zähne. Junge Seeelefanten räkeln sich faul, Königspinguine wandern in Gruppen umher und beäugen neugierig die Menschenwesen. Wie Kinder stürzen sich die Vögel in die Brandung und lassen sich aufgeregt paddelnd wieder an Land treiben.

Neugierige Pinguine
Sicherheitsabstand schön und gut - aber wie soll man sich daran halten, wenn ein Pinguin partout Interesse an der Kamera-Ausrüstung zeigt? "Wenn ein Tier auf Sie zukommt, um Sie am Hosenbein zu zupfen, ist das schon in Ordnung", sagt Heike Fries, eine der Lektorinnen, die an Bord mit spannenden Vorträgen die antarktische Welt näher bringen. Auch für den Fall, dass ein ungehaltener Seebär unerwartet unseren Weg kreuzen sollte, hat sie einen Tipp parat: "Ganz groß machen und mit tiefer Stimme auf ihn einreden. Dann weiß er, dass Sie kein Konkurrent oder ein abtrünniges Weibchen sind."

Am nächsten Tag wandern wir in der Fortuna-Bay zu einer Königspinguin-Kolonie. Sonnenschein und Graupelschauer wechseln einander ab, doch das tut dem Vergnügen an dem putzigen Pinguin-Nachwuchs keinen Abbruch. Die flauschigen Federbälle behalten bis zu einem Jahr ihr braunes Gefieder. Erst dann kommt darunter der elegante Frack zum Vorschein.

In Grytviken, ehemalige Walfangstation und mit einer Handvoll Häusern und einem Kirchlein die "Hauptstadt" von Südgeorgien, werden dann nicht nur die Post und der Mini-Shop gestürmt. Am Friedhof hält Kapitän Gerke eine kleine Zeremonie zu Ehren des Polarforschers Sir Ernest Shackleton ab - so will es der Brauch für alle anlegenden Kreuzfahrtschiffe.

Der Engländer Shackleton war mit seinen Männern bei einer Expedition vor inzwischen genau 100 Jahren vom Eis eingeschlossen worden. In einer abenteuerlichen Fahrt mit einem Beiboot gelang es ihm Hilfe zu holen, alle überlebten. Shackleton starb Jahre später bei seiner Rückkehr nach Grytviken und wurde hier begraben.

Waltraud Dengel, Kronen Zeitung

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