„Marmor, Stein und Eisen bricht“, „1000 und eine Nacht“ und „Für Gabi tu ich alles“ sind nur einige wenige Höhepunkte auf „Meine Lieblingslieder“. Nicht zu vergessen, die in ihren Dialektpassagen genialst verhunzte Version von Peter Cornelius’ „Du entschuldige i kenn di“. A Wahnsinn, dargebracht in typischer Petry-Manier: Drums und Bass aus der Konserve und ein bisschen verzerrte E-Gitarre – mehrheitlich ebenfalls computergeneriert. Vor dem Konsum bitte kräftig auftanken. Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Plattenhändler – oder beten Sie zum lieben Gott…
Stolz posiert der Mann, dessen Markenzeichen früher hunderte Freundschaftsbänder waren, mit einer feuerroten Fender Stratocaster am CD-Cover. Die Dauerwelle ist immer noch die alte, der Schnurrbart scheint ihm angeboren. Man mag Wolfgang Petry mehrheitlich mit grottenschlechten Party-Hymnen und einem unverständlichen Fankult assoziieren – und man trifft in vieler Hinsicht den Nagel auf den Kopf.
Fakt ist: Petry hat fünf ECHOs und acht Gold- und zwei Platin-Stimmgabeln gewonnen und Millionen seiner insgesamt mehr als 40 Alben verhökert. Die Heiratsanträge, die er in seinen 30 Bühnenjahren bekommen hat, kann man ebenso wenig zählen, wie die Verwünschungen, die ihm beispielsweise Bruce-Springsteen-liebende Ehemänner nachgedacht haben, die morgens im Küchenradio lieber „Born To Run“ statt „Da geht mir voll einer ab“ gehört hätten.
Petry ist die Geißel der Schlager-Hasser und der Inbegriff des deutschen Musikerfolgs gleichzeitig. Bei seinen Stadionkonzerten mit bisweilen 50.000 Zuschauern schweißt(e) er Generationen in trauter Schlager-Einigkeit zusammen. Beziehungen wurden zu „Verlieben, verloren…“ gekittet und deren Ende mit Eimern voll Bier zu „Wahnsinn“ oder „Augen zu und durch“ besiegelt.
Aber wenn er auf „Meine Lieblingslieder“ jetzt sein „Ohne dich (schlaf ich heut Nacht nicht ein)“ zum Vor-Abschied ins Mikro sülzt, wird einem klar: Diese Welt wird ohne Wolle nicht mehr dieselbe sein. *schnief* Aber das Mitgefühl ist nur von kurzer Zeit, denn irgendwann wird man unvorbereitet wieder in eine Menge geraten, die vollen Halses und vollgedröhnten Kopfes „Hölle! Hölle! Hölle!“ brüllt und dann trifft dich die Erkenntnis wie ein Schlag mit Thors Monster-Hammer: Selbst wenn Petry aufhört, seine Musik wird vermutlich noch in zwanzig Jahren gehört und gegrölt werden. Es sei denn, Hansi Hinterseer sattelt auf Stromgitarre um und tritt an seine Stelle. Oh, Gott…
5 von 10 Abschiedsgrüßen mit Originalitätsbonus
Christoph Andert
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