Spätestens seit „Somewhere only we know“ wissen wir, dass Britpop auch ohne Rickenbacker-Gitarren und Orange-Verstärker auskommt. Mit der pianolastigen Ballade haben Keane schon vor zwei Jahren viele Fanohrwaschel erobert und nicht zuletzt auch den Britpop klanglich in andere Bahnen gelenkt.
Mit „Under The Iron Sea“ kehrt das Schlagzeuger-Multiinstrumentalist-Sänger-Trio zurück und macht dort weiter, wo es aufgehört hat. Die Single „Is It Any Wonder“ ist gern gesehener Gast am Radio-DJ-Pult und auch ein passender Repräsentant für das restliche Album.
Das Klavier ist dort zwar noch tragendes Element, wird aber zum Einen häufiger von gitarrenähnlichen Synthie-Sounds unterstützt und zum Anderen mit zahlreichen Effektschnörkeln so verfälscht, dass man es kaum mehr als solches ausmachen kann. Irgendwie geil, nicht zu wissen, welches Instrument man gerade hört...
Auf einen Nenner gebracht: „Under The Iron Sea“ hat was, dass so nur von der Insel kommen kann. Sei es jetzt Tom Chaplins quengelige Stimme oder Refrains, die aus nur einem Satz bestehen. Die Zeit der im Herz-Schmerz-Eintopf siedenden Somewhere-only-we-knows ist aber vorbei.
Also: 8 von 10 gitarrenlosen Britpoppern
Bei den Newcomern von The Feeling geht’s da schon ganz anders zu. Die fünfköpfige Band hat auf ihrem Album „Twelve Stops And Home“ keine Probleme mit Gitarren. Auch nicht mit mehrstimmigen Pah-Pah-Pah-Passagen, die jetzt vielerorts wieder in Mode zu kommen scheinen. Ergo: Fröhlichkeit, 56 Minuten lang.
Dass sie den gleichen Produzenten wie Keane haben – die Plattenfirma Universal kündigte die drei Bands als ihre „Great Music, Great Britain“-Offensive an – hört man kaum heraus. Die Jungs schreiben ihre Songs selber und mussten wohl kaum auf Gitarren-Pop getrimmt werden, in Interviews bezeichnen sie sich immerhin als die „Wiederentdecker des Power-Refrains“.
Britpop ist ja ein quasi eigenes Genre und wenn man daran einmal Geschmack findet, kommt man ohnehin von einer Band zur nächsten. An The Feeling bleibt man derzeit hängen, weil sie in der Tat als einzige auf den großen Chorus setzen. Ahahahs, Nananas und bereits erwähnte Pah-Pah-Pahs setzen mit dem ersten Song ein und hören von da an nicht mehr auf. Sie wollen tatsächlich Ohrwürmer sein…
Mit Songs wie „Fill My Little World“, „Love It When You Call“ oder der ruhigeren Single „Sewn“ verströmen The Feeling jedenfalls gute Laune und musikalische Schönwetter-Fronten. Im Gegensatz zu Keane treiben sie’s weniger mystisch und stehen daher eher für den Gerade-raus-ich-will-singen-Typ. Bei all der Heiterkeit, durchwegs wiffer Akkordwahl und abwechslungsreichen Songs, „Twelve Steps And Home“ ist nix für nachdenkliche Minuten.
Deshalb: 6 von 10 großen Refrain-Gefühlen
Auf den ersten Blick etwas schwerer zu durchschauen, erscheint die dritte Band im Bunde der Briten. Die Jungs von Orson wirken im Gegensatz zu ihren Kollegen von Keane und The Feeling weniger brav gestriegelt, tragen keine Seitenscheitel und auch keine Pullunders, sondern Lederjacken, Irokesen und Tattoos.
Sie setzen sich stilistisch auch durch den effektiveren Einsatz von Rickenbackers ab. Der Produzent ist auch ein anderer… und einer der beiden Gitarristen wird von Orange-Verstärkern gesponsert, womit auch das letzte liebevolle Klischee bestätigt wäre.
Die Single „Bright Idea“ erfreut sich im Königreich größter Beliebtheit und katapultierte das Quintett gleich ins Vorprogramm von Robbie Williams, quasi als von zuhause mitgebrachter Publikums-Grillanzünder. Dafür taugen Orson auch, von allen drei Bands haben sie den feistesten Drive.
Auf ihrem Album klopfen sie sich durch alle möglichen Ausprägungen des Britpop: „Happiness“ klingt ein bisschen nach Paul Weller, „Downtown“ hat – so verrückt es klingt – in den ersten paar Takten etwas von „Wham!“ und das Gitarren-Staccato in „Tryin To Help“ könnte genauso gut bei den Arctic Monkeys zu hören sein. Die spielen allerdings schon in einer ganz anderen Liga...
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Christoph Andert
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