Gig in Graz abgesagt

Rose Tattoo: AC/DC in wild und ungezügelt

Musik
10.08.2026 10:40

Zum 50-jährigen Bandjubiläum kreuzen die australischen Rocklegenden Rose Tattoo noch einmal durch Europa. Am 14. August hätten sie ins Grazer ppc kommen sollen, was aufgrund eines Notfalls bei Gary „Angry“ Anderson nun leider nicht möglich ist. Wir rekapitulieren die Geschichte der wilden Buben und fragten davor auch beim Frontmann nach.

kmm

Mit 50 Jahren in Pension zu gehen, das kennt man hierzulande noch von den alten ÖBB-Regelungen, die aber auch längst alle verändert wurden. Mit einer Band verhält sich das freilich anders. Da sind 50 Jahre eine äußerst massive Marke und zeugen von einer gewissen Reife. Zumindest in den meisten Fällen. Bei den australischen Prolo-Rockern Rose Tattoo kann ersetzt man den Terminus Reife am besten mit Zähheit oder unbändiger Leidenschaft. Als die Combo vor exakt 50 Jahren mit Gitarrist Pete Wells und Sänger Gary „Angry“ Anderson in den australischen Pubs erste musikalische Duftmarken setzten, ging es heiß her. „Wir hatten von Anfang an nur Ärger und waren natürlich selbst schuld daran“, lächelt Frontmann Anderson im „Krone“-Talk, „es gab Heroinabhängigkeiten, einige von uns waren rasend wütende Alkoholiker und quasi alle mussten früher oder später in Therapien, um ihre Dysfunktionen irgendwie in den Griff zu kriegen. Frieden gab es nur während der 90 Minuten auf einer Bühne, wenn wir ein Konzert spielten. Ansonsten war ständig Krawall, auch wenn wir uns alle liebten.“

Ein ewiges Auf und Ab
Rose Tattoo waren etwas später dran als AC/DC und so etwas wie ihre teuflischen Pendants. Musikalisch ist der erdige Pub-Rock mit Working-Class-Mentalität nur in Nuancen zu unterscheiden. AC/DC hatten aber stets die eingängigeren Hits, Angus Young in Schuluniform und mit dem Millionenseller „Black In Black“ 1980 ein Werk, das sie für immer in Stadien verfrachten sollte, während sich Rose Tattoo – zum Teil wortwörtlich – ihren Weg bahnten. Und das auch gern Mal mit Gewalt. Mit Songs sie „Bad Boy For Love“, „Rock’n’Roll Outlaw“ oder „Scarred For Life“ schrieb man Rock-Klassiker für die Ewigkeit. Alben wie „Rose Tattoo“ (1978), „Assault & Battery“ (1981) oder „Scarred For Life“ (1982) machten ordentlich Wind, aber die Band scheiterte schlussendlich an sich selbst, den eigenen Skandalen und zig Besetzungswechsel. 1987 war Schluss, erst Guns N’Roses reanimierte die längst veränderte Band und nahm sie als Support mit auf Tour und coverte dann auch noch den Song „Nice Boys“.

So richtig zurück kam die Band dann erst 1998, doch nach dem Prostatakrebstod von Pete Wells 2006 und dem Hommage-Album „Blood Brothers“ 2007 war die Luft wieder lange draußen. Glatzkopf Anderson trug die Veränderungen immer mit Fassung und baute sowieso auf mehrere Standbeine. Etwa als gern gebuchter Darsteller in verschiedenen Serien und Filmen. Unvergessen sein Auftritt als Handlanger von Tina Turner im insgesamt eher semioptimal gealterten dritten Teil der „Mad Max“-Reihe: „Jenseits der Donnerkuppel“. Daneben engagiert sich Anderson vor allem im neuen Jahrtausend gerne politisch und prangert in rechtskonservativen Kreisen die angeblich mangelhafte Integration von Muslimen in seiner australischen Heimat. Dazu gibt es seit jeher eine künstlerische und ideologische Nähe zu den deutschen Millionensellern Böhse Onkelz. Rein musikalisch schrieben und Anderson und Co. aber längst ihre eigene Geschichte. Jene der rüpelhaften, vielleicht bewusst kompromissloseren Brüder im Geiste der großen AC/DC, mit denen niemals gut Kirschen essen ist.

Rose Tattoo live bei ihrem bislang letzten Österreich-Gig 2019 im Wiener Viper Room – bis auf ...
Rose Tattoo live bei ihrem bislang letzten Österreich-Gig 2019 im Wiener Viper Room – bis auf Sänger Anderson ist die Band personell komplett verändert.(Bild: Andreas Graf)

Kampf um den würdigen Abschied
„Wir hatten schon vor der offiziellen Gründung unzählige Besetzungswechsel, weil es wirklich nicht einfach ist, mit uns klarzukommen und auf Tour zu sein“, sagt der Frontmann ohne Umschweife. Für die große Abschiedssause hat der Boss ein paar Weggefährten rekrutiert. So etwa Drummer Paul DeMarco, der wegen illegalen Waffenbesitzes und versuchtem Bankraub gar ein paar Jahre hinter schwedischen Gardinen landete. Seit ungefähr 2016 gibt Anderson mit seiner Band wieder regelmäßig Konzerte (seit 2021 ist auch DeMarco wieder am Start) und es gab auch ein mehr als gelungenes Spätwerk aus 2020 zu verbuchen. Anderson wurde auf der aktuellen Tour unglaubliche 79, dass da keine allabendlichen Rock’n’Roll-Auftritte gehen, ist eigentlich klar. Durch einen medizinischen Notfall samt Spitalsaufenthalt vor dem geplanten Konzert im holländischen Kortrijk mussten Rose Tattoo die verbliebenen Gigs – so auch den geplanten im Grazer ppc – absagen.

„Wir haben immer Songs aus dem Leben geschrieben. Für Menschen, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen und das auch zugeben.“ Mit dieser Magie hält Anderson die Legende von Rose Tattoo am Leben. Der Verlust von Kompagnon und Freund Wells hat ihn nachhaltig getroffen. „Wir hatten viel gemeinsam, auch abseits der Band. Wir lasen dieselben Bücher, mochten dieselben alten Horrorschinken im Fernsehen und beide dieses Verständnis und Gespür für die britische Nachkriegsgeneration. Wir hatten immer dasselbe Motto, dass man jeden Tag so leben sollte, als sei es der letzte im Leben. Dazu stehe ich nach wie vor. Ich weiß, dass das alles nicht mehr ewig so weitergehen kann, doch erst wenn ich aussehe wie eine richtige Leiche, werde ich Ruhe geben.“ Dieses Beharren auf die Gegenwart ist auch vielen Schicksalsschlägen geschuldet. Gleich fünf Bandkameraden verlor Angry im Laufe der Jahre an verschiedene Krebsarten, 2018 wurde einer seiner drei Söhne, Liam, in New South Wales bei einer Attacke totgeprügelt. Ein Schicksal, das den politisch so polternden Frontmann in eine Art späte Schockstarre verfrachtet hat.

Zeit wird ein wichtiger Faktor
So sehr die Geschichte von Rose Tattoo eine von Außenseitertum, Skandalen, Brutalitäten und verpassten Chancen ist, so sehr hat Anderson auch mit knapp 80 nicht aufgehört, sich Ziele zu setzen und zu träumen. „Was wäre denn das Leben ohne Träume? Jeder hat Wünsche, Begierden, Aspirationen. Es gibt im Leben für nichts ein Versprechen oder eine Garantie, aber man muss den Tag so nehmen, wie er kommt. Ich möchte halbwegs gesund bleiben, weiter Musik machen können und die Zeit mit meinen noch verbliebenen Kindern verbringen. Die Kids sind schon größer, aber immer noch bei mir und ein Wochenende Camping geht sich allemal noch aus. Ich habe die Jungs auch mitgenommen und ihnen gezeigt, wo wir damals ,Mad Max 3‘ drehten. Zeit wird im Alter ein wichtiger Faktor.“

Gibt es noch eine Live-Chance?
Mit dem geplanten Konzert in Graz wird es nun leider nichts. Ob Rose Tattoo mit dem fast 80-jährigen Kultsänger noch einmal eine strapaziöse Europa-Reise wagen, bleibt offen. Derzeit sind keine Ersatztermine in Sicht.

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