Experten klären auf

Fakten-Check: Warum die Hitze keine Messlüge ist

Österreich
07.08.2026 16:00

Falsch gemessen, „von oben“ gesteuert, dazu gemacht, von anderen Dingen abzulenken. Die mittlerweile zweite landesweite Hitzewelle hat im Osten Österreichs neue, traurige Rekorde gebracht. 41,2 Grad Höchstwert wurden am Mittwoch in Bad Deutsch-Altenburg gemessen. Noch nie war es so heiß im Land. Zwar schwitzt unter den derzeitigen Bedingungen wohl jeder, aber nicht jeder will so recht an die Echtheit der Temperaturen glauben. Wir haben daher nachgefragt: Wie wird eigentlich gemessen?

Heiß? Ja! Aber wirklich so heiß? Gerade in den sozialen Medien häufen sich dieser Tage, nicht zuletzt unter Postings von Wetterdiensten, Kommentare von Usern, die Zweifel an Messmethoden und Temperaturangaben hegen und sogar der Zahl der Hitzetoten im heurigen Juni.

Das geht teilweise auch über das persönliche Empfinden à la „Früher war es auch heiß“, „Ja, es ist halt Sommer“ hinaus. Mittlerweile werden auch die Messungen selbst infrage gestellt, und damit auch seriösen Wetterdiensten unterstellt, mit der Angst der Menschen bewusst zu spielen. 

FPÖ wettert gegen „Hitze-Panik“
Das Thema Hitze erreichte zuletzt auch wieder die politische Ebene. Seitens der FPÖ wird, höchst diskussionswürdig, Stimmung gemacht und gegen die angebliche Hitze-Panik gewettert. Unter dem Titel „Hitze-Panik als Ablenkung vom Impf-Desaster der Systemparteien“ wurde die aktuelle Hitzewelle und deren Todesopfer in Verbindung mit angeblichen Impf-Toten gesetzt.

Zwar wurde das erwähnte Posting mittlerweile gelöscht – allerdings hatte „Die Tagespresse“ jüngst darauf reagiert, kurz und knapp mit den Worten: „Erstmals: Tagespresse ratlos“. Auf der Homepage der Partei ist der Artikel weiterhin zu finden, nur unter anderem Titel.

Kritik hagelte es seitens der SPÖ: So wetterte am Donnerstag SPÖ-Klubobmann Philip Kucher: „Die FPÖ glaubt, das Thermometer steckt mit dem System unter einer Decke.“ Und: Den Blauen sei inzwischen sogar „das Thermometer zu links“.

Sieben Tage mit 40 Grad und mehr – sechs davon 2026
Doch selbst Meteorologen starrten in den vergangenen Tagen und Wochen eher ungläubig auf die Wetterdaten: An gleich drei Tagen in allen drei Sommermonaten 2026 wurde in Österreich ein Höchstwert von 40 Grad oder mehr gemessen. Und in Summe waren es in diesem Jahr sechs Tage mit 40 Grad oder mehr – sieben gab es seit dem Jahr 1767 insgesamt (!). Von einem „normalen Sommer wie damals“ sind wir weiter entfernt denn je. Und der Trend in Richtung heiß und immer heißer zeichnet sich bereits seit einigen Jahren merklich ab.

Die WMO

Der Leitfaden der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) legt weltweit anerkannte Standards für die Messung meteorologischer und umweltbezogener Daten fest.

Er beschreibt, welche Instrumente verwendet werden sollten, wie diese korrekt installiert, kalibriert und gewartet werden müssen und nach welchen Methoden Wetter- und Klimadaten erhoben werden.

Ziel ist es, dass Messungen – etwa von Temperatur, Niederschlag, Wind, Luftdruck oder Luftfeuchtigkeit – weltweit vergleichbar und zuverlässig sind. 

Eine teilautomatische Wetterstation in Mittersill (Salzburg)
Eine teilautomatische Wetterstation in Mittersill (Salzburg)(Bild: GeoSphere Austria)

Aber wie kommen die Messungen überhaupt zustande? Die Messstationen im Land sind Teil des amtlichen österreichischen Messnetzes, betrieben von GeoSphere Austria. Deren Standorte werden nicht willkürlich gewählt, sondern müssen vielmehr strengen internationalen Standards und Vorschriften entsprechen. Maßgeblich ist der WMO-Leitfaden.  

Was es für genaue Daten braucht
Messstationen: Das sind die Kriterien

Wettermessungen sind weit aufwendiger, als man vielleicht meinen mag. Denn es reicht nicht einfach nur, an einem beliebigen Ort eine Station zu errichten. Denn: Wetterdaten können natürlich nur verglichen werden, wenn alle nach denselben „Regeln“ spielen und messen.

  • Die Temperatur wird im Schatten gemessen. Thermometer dürfen nicht in der Sonne hängen, sondern befinden sich in einer speziellen weißen Wetterhütte oder einem Strahlungsschutz, damit die Sonne das Messergebnis nicht verfälscht. Genau vorgeschrieben ist auch, wie hoch ein Thermometer angebracht werden muss – nämlich etwa 1,25 bis 2 Meter über dem Boden
  • Der Standort ist entscheidend. Es braucht „ebenes, mit kurzem Gras bewachsenes Gelände, keine künstlichen Wärmequellen in der Nähe, freie Anströmung ohne Hindernisse, ausreichender Abstand zu Bebauung und versiegelten Flächen“, erklärt Ubimet-Meteorologe Peter Wölflingseder. Gerade Letzteres hätte erheblichen Einfluss auf die Messungen. „Versiegelte Flächen heizen sich tagsüber stärker auf und speichern Wärme, die nachts wieder abgestrahlt wird – das kann lokal mehrere Grad ausmachen. Genau deshalb ist die Standortwahl einer der wichtigsten Qualitätsfaktoren für offizielle Messungen“, so der Meteorologe.
  • Dass es jedoch auch in jeder österreichischen Landeshauptstadt eine Messstation mitten in der Stadt gibt (Stichwort Bebauung und Versiegelung), erklärt Wölflingseder so: „Es gibt in jeder Landeshauptstadt zumindest eine Station mitten in der Stadt, aber auch weiter außerhalb am Randgebiet, z. B. Linz und Linzer Flughafen, Salzburg und Salzburger Flughafen. Nicht jede Station in einer Innenstadt erfüllt dabei immer die Qualitätskriterien, aber trotzdem bilden sie ab, wo viele wohnen, deshalb haben sie eine Berechtigung.“

  • Die Standorte werden auch regelmäßigen Kontrollen unterzogen, erklärt Klimaforscher Marc Olefs von GeoSphere Austria gegenüber der „Krone“: „Bei relevanten Veränderungen wird die Situation bewertet und falls nötig ein besser geeigneter Standort gesucht. Verlegungen werden dokumentiert, damit sie bei späteren Auswertungen berücksichtigt werden können.“ Auch werden die Sensoren in regelmäßigen Abständen gewartet, in der Regel alle zwei Jahre. „Dabei werden Messgeräte, Datenübertragung und Standort kontrolliert. Sensoren werden nach fachlichen Vorgaben kalibriert oder bei Bedarf ausgetauscht.“
  • Sogenannte Plausibilitätskontrollen stellen sicher, dass ungewünschte Einflüsse auf die Messwerte von Messstationen im Ernstfall erkannt werden. Dabei werden benachbarte Stationen verglichen oder es fällt beim Stationsservice auf, erklärt der Klimaforscher.

Private Messstationen messen ungenauer
Betont wird, dass Messwerte von privaten und professionellen Messstationen jedenfalls nicht vergleichbar sind und sich durchaus große Unterschiede bei den Werten ergeben können. Nicht zuletzt etwa wegen billiger Sensoren oder einer ungünstigen Platzierung, die eben nicht den WMO-Kriterien entspricht. „Einzelne App- oder Balkonwerte sind interessant, aber nicht direkt vergleichbar“, so Meteorologe Peter Wölflingseder (Ubimet).

Zitat Icon

Steigen über Jahrzehnte die Temperaturen und nehmen bestimmte Extreme zu, ist das ein deutliches Klimawandelsignal.

Klimaforscher Marc Olefs von GeoSphere Austria

„Einzelner Extremwert hat nur begrenzte Aussagekraft“
„Über einzelne Standorte und Rekorde kann fachlich diskutiert werden“, meint jedenfalls Klimaforscher Marc Olefs von GeoSphere Austria. „Für die Beurteilung der Klimaentwicklung zählen aber vor allem lange Messreihen und das gemeinsame Bild vieler Stationen.“ Und weiter: „Ein einzelner Extremwert hat nur begrenzte Aussagekraft. Werden aber – wie im aktuellen Fall – an mehr als einem Drittel der Stationen neue Rekorde gemessen, zeigt das ein außergewöhnliches, großräumiges Ereignis.“

Die Erwärmung zeige sich außerdem unabhängig von Wetterstationen, etwa durch Gletscherschwund, weniger Schneedeckentage und frühere Blühzeiten. „Sie kann daher nicht durch einzelne ungeeignete Standorte (von Messstationen, Anm.) erklärt werden.

Olefs hät fest: „Ein einzelnes Extremereignis ist zunächst Wetter. Für den Klimawandel zählt die langfristige Entwicklung: Steigen über Jahrzehnte die Temperaturen und nehmen bestimmte Extreme zu, ist das ein deutliches Klimawandelsignal.“

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