Salzburger Festspiele

Festspiele: Diese Carmen braucht keine Erotik

Salzburg
27.07.2026 13:00
Porträt von Salzburg-Krone
Von Salzburg-Krone

Gabriela Carrizo befreit Bizets Heldin vom Klischee der Männerverführerin und erzählt sie als junge Frau, die ihre Freiheit und Wirkung erst entdeckt. Grigorian und Currentzis begeistern. Dennoch gab es auch das ein oder andere Buh. Eine Kritik von Larissa Schütz.

Es muss nicht immer die Femme fatale sein. Seit Jahrzehnten wird Bizets „Carmen“ meist als gefährliche Männerverführerin erzählt. Das ist durchaus schlüssig, aber eben nicht die einzige Möglichkeit. Regisseurin Gabriela Carrizo beweist bei ihrer ersten Opernregie für die Salzburger Festspiele, dass diese Figur auch ganz anders funktioniert und dadurch überaus modern wird.

Dabei wurde die erste Opernpremiere des Festspielsommers eigentlich nicht wegen ihrer Regie, sondern wegen der großen Namen in den Titelrollen heiß erwartet: Asmik Grigorian und Jonathan Tetelman zogen am Sonntagabend die internationale Prominenz ins Große Festspielhaus. Doch am Ende sorgte vor allem die Idee von Carrizo für Gesprächsstoff.

Berühmte Verführerin als Mensch
Ihre Carmen ist keine eiskalt berechnende Frau, die Männer reihenweise ins Verderben lockt. Zwar ist sie sich ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht bewusst, doch wirkt sie eher wie eine junge Frau, die ihre Freiheit und Anziehungskraft gerade erst entdeckt hat. Diese Carmen möchte ihre Grenzen ausprobieren, mit Blicken und Gesten spielen, und das, ohne die Konsequenzen ihres Handelns immer mitzudenken. Genau dadurch wird aus der berühmten Verführerin ein Mensch, der ein Drama auslöst, das er irgendwann nicht mehr stoppen kann.

Dass diese Idee aufgeht, lag vor allem an Asmik Grigorian. Sie machte aus Carrizos Carmen eine junge Frau voller Wärme, Neugier und Widersprüche. Jeder Blick erzählte mit, ihre farbenreiche Stimme ohnehin. Jonathan Tetelman entwickelte dazu einen Don José, der nicht als Macho scheiterte, sondern an seiner eigenen Überforderung. Seine Verzweiflung wuchs hör- und sichtbar mit jeder Szene.

Jonathan Tetelman als Don José.
Jonathan Tetelman als Don José.(Bild: APA/BARBARA GINDL)

Neben diesen Psychogrammen erzählte Carrizo, Mitbegründerin der Company „Peeping Tom“, viel über Tanz – und das funktionierte oft hervorragend. Beispielsweise, als Carmen in einer Bar zunächst nur biertrinkend beobachtete, wie um sie herum alles in einen rauschhaften Taumel geriet, ehe sie selbst immer betrunkener wurde und sich langsam mitreißen ließ.

Currentzis mit sicherer Hand und das ein oder andere Buh
Manchmal wollte die Regisseurin allerdings auch zu viel. Nicht jede choreografische Idee erschloss sich, und manche Symbolik blieb rätselhaft, beispielsweise als Kinder mit Gewehren auf andere Kinder zielten.

Musikalisch hielt Teodor Currentzis den Abend mit sicherer Hand zusammen. Er gab den Sängern, vor allem aber Asmik Grigorian, Raum zum Atmen, kostete Bizets Klangfarben genüsslich aus und schärfte immer wieder die Konturen in seinem Utopia Orchestra, ohne sich selbst zum Hauptdarsteller zu machen.

Am Ende gab es vor allem für die musikalische Darbietung ausgiebigen Jubel vom Publikum. Das Regieteam erntete dagegen auch das ein oder andere Buh. Doch diese „Carmen“ muss auch nicht jedem gefallen. Vielmehr will sie eine Figur neu denken. Und das gelang ihr über weite Strecken beeindruckend.

Larissa Schütz

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