Alte Apfelsorten, seltene Bohnen und widerstandsfähige Kulturpflanzen standen beim Biodiversitätsgipfel in Schiltern als stille Helden einer krisenfesten und genussvollen Zukunft im Mittelpunkt.
Wo alte Obstsorten blühen und seltene Gemüseraritäten gedeihen, wurde in Schiltern über die Zukunft unserer Ernährung diskutiert. Vertreter aus Landwirtschaft, Forschung, Handel und Gastronomie waren sich beim Biodiversitätsgipfel einig: Die Arten- und Sortenvielfalt auf Österreichs Feldern ist weit mehr als ein romantisches Relikt vergangener Zeiten. Sie ist die Grundlage für Ernährungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität und die Anpassung an den Klimawandel.
„Sortenvielfalt ist keine romantische Idee, sondern ein handfester Wettbewerbsfaktor“, betonte SPAR-Vorstandsvize Markus Kaser. Wer heute Vielfalt fördert, schaffe die Grundlage für stabile Ernten und hochwertige Lebensmittel von morgen.
Kleine Betriebe unter Druck
Sorgen bereiten den Experten jedoch die politischen Entwicklungen auf EU-Ebene. Während neue Gentechnikverfahren zunehmend liberalisiert werden sollen, kämpfen viele kleine Saatgutbetriebe und Baumschulen mit bürokratischen Auflagen. Bereits eine europaweite Befragung zeigte, dass zahlreiche Betriebe die Belastungen kaum noch bewältigen können.
ARCHE-NOAH-Geschäftsführer Volker Plass warnte davor, jene Menschen auszubremsen, die täglich an der Basis für den Erhalt alter Sorten arbeiten. „In jedem Betrieb, der Sorten erhält, vermehrt und weitergibt, steckt ein Stück Zukunftssicherung“, sagte Plass. Vielfalt entstehe nicht am Reißbrett in Brüssel, sondern auf Feldern, in Gärten und Obstplantagen.
Handel kann viel bewegen
Eine Schlüsselrolle kommt auch dem Lebensmittelhandel zu. Durch langfristige Partnerschaften mit Produzenten und die bewusste Aufnahme vielfältiger Produkte in die Regale könne Biodiversität aktiv gefördert werden. SPAR verwies auf Projekte wie BeeWild mit großflächigen Bienenweiden sowie auf den stetig wachsenden Anteil biologisch erzeugter Obst- und Gemüseprodukte.
„Wenn wir nur auf kurzfristige Effekte setzen, verlieren wir Sortenvielfalt“, erklärte Kaser. Deshalb werde verstärkt auf langfristige Zusammenarbeit und regionale Wertschöpfung gesetzt.
Gesunde Böden, gesunde Menschen
Dass Biodiversität nicht nur ein Umwelt-, sondern auch ein Gesundheitsthema ist, machte Umweltmedizinerin Daniela Haluza deutlich. Gesunde Böden seien die Basis für nährstoffreiche Lebensmittel und damit für ein starkes Immunsystem und eine widerstandsfähige Gesellschaft.
Die Forscherin verglich die Natur mit einem fein abgestimmten Uhrwerk: Fällt ein Zahnrad aus, gerät das gesamte System ins Wanken. Der Schutz biologischer Vielfalt sei deshalb gleichzeitig Gesundheitsvorsorge, Ernährungssicherheit und Zukunftsschutz.
Geschmack wächst auf dem Feld
Auch Sternekoch Paul Ivić sieht die Entwicklung mit Sorge. Für den Pionier der vegetarischen Spitzengastronomie beginnt jede Mahlzeit lange vor dem Kochtopf. „Was wir essen, beginnt im Boden. Wenn Biodiversität verschwindet, verlieren wir Geschmack, Qualität und am Ende auch Stabilität in unseren Ernährungssystemen“, warnte er.
Wissen als Schlüssel
Die Teilnehmer des Gipfels sehen zudem großen Aufholbedarf beim Bewusstsein der Bevölkerung. Viele Menschen halten Biodiversität zwar für wichtig, können mit dem Begriff jedoch wenig anfangen. Deshalb brauche es mehr Ernährungs- und Umweltbildung bereits in Kindergärten und Schulen.
Um Wissen aus Landwirtschaft, Forschung und Handel künftig besser zu vernetzen, kündigte Kaser die Einrichtung eines landwirtschaftlichen Expertenrats an. Ziel ist es, Herausforderungen wie Klimaanpassung, Ressourcenschonung und Sortenerhalt frühzeitig zu erkennen und praktikable Lösungen zu entwickeln.
Zukunft wächst in der Vielfalt
Der Biodiversitätsgipfel in Schiltern machte deutlich: Die Vielfalt auf unseren Äckern ist kein Luxus, sondern ein strategischer Rohstoff. Wer alte Sorten bewahrt, schützt nicht nur die Natur, sondern stärkt auch die Widerstandskraft von Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Oder, wie es viele Teilnehmer formulierten: Die Zukunft wächst dort, wo Vielfalt Wurzeln schlagen darf.
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