Lange wurden Frauen in der Geschichte übersehen oder sogar absichtlich vergessen. Das Stadtarchiv Graz legt deswegen einen Fokus auf die Geschichte der Frauenbewegung und die Lebensspuren bekannter Pionierinnen – und ruft nun auch alle Grazerinnen und Grazer dazu auf, zur Sammlung beizutragen.
„Oktavia 1877“ – der Vermerk am Meldezettel der Familie Rollett ist unscheinbar, und doch ist er eine Lebensspur einer ganz besonderen Grazerin. Oktavia Aigner-Rollett war 1905 eine der ersten Frauen, die an der Grazer Universität ein Medizinstudium abschloss, und danach die erste in der ganzen Steiermark, die den Beruf ausübte. 1907 eröffnete sie ihre eigene Praxis in der Humboldtstraße 17.
„Die Geschichte ist stark von Männern geprägt“, sagt Wolfram Dornik, Leiter des Grazer Stadtarchivs, das zum GrazMuseum gehört. Hier wird alles aufbewahrt, was die Stadt Graz seit 1820 prägt – von Bauakten über Meldeunterlagen bis hin zu Hebammen- und Totenprotokollen. Eine besondere Ergänzung bekam der Bestand 2014: ein seit 1989 gesammeltes Archiv der Frauenbewegung, das 64 Kartons und sieben Fotoboxen umfasst. „Die Sammlung ist ein wesentlicher Teil der Frauengeschichte in Graz“, sagt Sibylle Dienesch, Direktorin des GrazMuseums. „Sie dokumentiert eine emanzipatorische, politische Bewegung.“ Geschichte, sagt Wolfram Dornik, entstehe durch Sammeln. „Deswegen war es uns wichtig, diesen Teil sichtbar zu machen.“
Im Bestand finden sich Plakate, Flyer und Fotos, aber auch Unterlagen, etwa zur Beschlussfassung, dass Grete Schurz die erste Frauenbeauftragte der Stadt werden soll. Ein Foto zeigt die Pionierin an ihrem 70. Geburtstag.
Alltagseindrücke sind gefragt
Die Sammlung endet aber nicht, sondern sie wächst aktiv weiter – und dafür sind alle Grazerinnen und Grazer gefragt. Das Stadtarchiv ruft nämlich auf, Belege zur Geschichte der Frauen in Graz zu teilen. „Das können persönliche Eindrücke sein, Bilder oder Videos von Demonstrationen, von Frauen im Alltag, bei der Arbeit“, sagt Dornik. Man kann die Exponate online hochladen, wo sie dann gesichtet und katalogisiert werden – damit irgendwann aus ihnen Geschichte geschrieben werden kann.
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