Seit 2014 wurden rund 739 personenbezogene Straßennamen in Graz analysiert und kontextualisiert. Am Mittwoch legte die zuständige Kommission einen knapp 1600 Seiten langen Endbericht vor. In Graz prägen inzwischen Zusatztafeln das Stadtbild. Das Thema beschäftigt aber viele steirische Städte und Gemeinden.
Am 5. Mai 1945 wurde das Konzentrationslager Mauthausen von amerikanischen Soldaten befreit. Der 8. Mai 1945 ging als der Tag in die Geschichte ein, an dem die Wehrmacht in Österreich offiziell kapitulierte. Auch heute noch begleiten uns Personen, die klare Verstrickungen zum Nationalsozialismus hatten oder selbst bekennende Nationalsozialisten waren: Denn zahlreiche Straßen, Gassen und Wege wurden nach ihnen benannt und bis dato nicht umbenannt.
In Graz setzt man sich bereits seit 2014 mit diesem Thema auseinander. Das Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz und das Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung waren seither damit beschäftigt, 738 personenbezogene Straßennamen in der Landeshauptstadt zu analysieren und zu kontextualisieren.
Zusatztafeln liefern Kontext zu Namensgebern
Der Auftrag des damaligen Bürgermeisters Siegfried Nagl (ÖVP) war es, die Straßennamen zu untersuchen und anzuschauen, welche davon zu hinterfragen sind: „Anfangs hatten wir keine Erfahrung, wie man so etwas überhaupt angeht“, erinnert sich Stefan Karner, ehemaliger Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts, zurück. Im Jahr 2018 wurde dann bereits ein erster Bericht der Expertenkommission vorgestellt.
Inzwischen wurden in der Landeshauptstadt zahlreiche Zusatztafeln angebracht: „Sie geben eine kurze Vita der Persönlichkeit, den Grund der Straßenbenennung und eine allfällige ,Belastung‘ des Namensgebers“, erklärt Karner. Dass die Tafeln auch zum Nachdenken anregen, davon ist er überzeugt: „Weil wir auch heute in einer Zeit leben, wo Demokratie nicht selbstverständlich ist. Gerade bei solchen Tafeln müssen wir stehen bleiben und nachdenken, was uns diese Zeilen sagen können. Was geben sie uns mit?“
Interaktiver Online-Stadtplan mit Informationen
Die Wichtigkeit des Projekts fasst Barbara Stelzl-Marx, Professorin für Zeitgeschichte und aktuelle Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts, zusammen: „Straßennamen sind ein Instrument der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Das heißt, sie geben immer einen Aufschluss über den Umgang der Gesellschaft mit der eigenen Geschichte. Ich freue mich, dass wir jetzt zu allen personenbezogenen Straßennamen eine Kontextualisierung in Form einer Zusatztafel haben.“
Belastete Straßennamen wurden von der Kommission in die Kategorien „Hoher Diskussionsbedarf“ und „Diskussionsbedarf“ eingeteilt. Auf der Liste mit hohem Diskussionsbedarf stehen rund 20 Straßen, fünf davon wurden bereits umbenannt.
Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Erfolg leistete auch das Stadtvermessungsamt unter der Leitung von Elke Achleitner. Die Abteilung ist für die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen zuständig. Zudem erstellte sie einen interaktiven Online-Stadtplan: „Da kann man die Straßennamen anklicken – und dann erscheint der Text und eine ausführliche Biografie zur jeweiligen Person“, erzählt Achleitner.
Mittlerweile sind fast alle 738 Zusatztafeln montiert. Fünf Straßen wurden zudem bereits umbenannt, die sechste folgt im Juni: „Wir sehen einfach, dass es Namen gibt, die eine solche Würdigung im öffentlichen Raum nicht mehr verdienen“, betont die Grazer Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne).
Fünf Straßen wurden in der Landeshauptstadt bereits umbenannt, im Juni folgt die Sechste.
Belastete Straßennamen sind aber nicht nur in Graz ein Thema: Bereits im Jahr 2018 wurden auch in Leoben drei Zusatztafeln montiert. „Namensgeber wie Kernstock oder Kloepfer gibt es in der ganzen Steiermark. Festzuhalten ist aber, dass asphaltierte Geschichtspolitik nicht in Stein gemeißelt ist“, unterstreicht Stelzl-Marx.
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