




„Überall lagen Trümmer, auf den Straßen Leichen, und immer wieder hörten wir das uns zuvor unbekannte Grollen aus der Erde“, erinnert sich Karl Haim. Der Wolfsberger war vor 50 Jahren mit dem Roten Kreuz im Hilfseinsatz in Gemona und Buja.
„Eine Nachbarregion am Boden zerstört, ein grenzüberschreitender Hilfseinsatz, der beispiellos war“, erinnert sich Karl Haim. Der Wolfsberger war schon hauptamtlicher Mitarbeiter beim Roten Kreuz, als am 6. Mai 1976 die Erde bebte. „Das haben wir in Wolfsberg auch gespürt. Ein Grollen, es ist kaum zu beschreiben. Tote, Verletzte, Obdachlose – dem Bezirksausschuss und dem Landesverband des Roten Kreuzes war sofort klar: Wir müssen helfen! Im Katastrophenwagen und mit Zelt sind wir gleich am 7. Mai losgefahren“, so der heute 88-Jährige.
Ständig Angst vor weiteren herabstürzenden Trümmern
Zuerst habe man die Lage im Raum Gemona/ Buja sondiert – und gleich weitere Helfer angefordert. „Die Feldküche war schon aufgebaut, für uns und natürlich für die Menschen, die keine Küchen, keine Häuser, die nichts mehr hatten“, erinnert sich der Lavanttaler. „Wir sind auf den Straßen in der Mitte gegangen, weil immer wieder gemauerte Zäune eingebrochen sind. Und teils von Trümmern bedeckt lagen da noch Leichen.“





In der ersten Nacht im Zelt hörten und spürten Haim und sein Kollege dieses unbeschreibliche, beängstigende Grollen: „Das hat uns nervlich fertig gemacht. Wir haben für diese Nacht im Rettungswagen Zuflucht gesucht.“
Am Tag darauf versuchten die Rotkreuz-Helfer zu den Menschen der Siedlung auf dem Berg bei Gemona zu kommen; sie waren von der Umwelt abgeschnitten. „Ein Einheimischer hatte einen Caterpillar, so kamen wir hinauf und konnten die Verletzten bergen.“
Es kam als leichtes Zittern, ging über in ein dumpfes Grollen und ließ schließlich alles mit einem lang anhaltenden dunklen Ton erbeben.
Karl Haim, langjähriger Bereitschaftskommandant des Rotes Kreuzes in Wolfsberg
„Keiner traute sich in die Häuser“
Haim erinnert sich an Risse in den Gebäuden, in die man den gesamten Arm legen konnte. „Da traute sich ja keiner hinein. Die Leute, die überlebt hatten, hatten also nichts zum Anziehen. Aus Österreich kamen Kleidungsspenden, die wir am Bahnhof verteilt haben. Und es gab kaum Geräte, mit denen man nach Überlebenden graben hätte können. Mit den Händen gruben die Leute in ihrer Verzweiflung!“ Auch der Wolfsberger und seine Kollegen konnten Überlebende aus den Trümmern befreien: „Zwei Kinder. Nach drei Tagen. Sie waren ansprechbar. Aber ihre Eltern waren umgekommen.“
Mit bloßen Händen gruben verzweifelte Frauen und Männer in den Steinhaufen nach Überlebenden.
Karl Haim
Aus der 14-tägigen Hilfsaktion nach dem verheerenden Erdbeben entwickelten sich Freundschaften: „Wir waren oft in Buja und haben gegen unsere Freunde Fußball gespielt“, erinnert sich Haim gern zurück.
25 Jahre nach dem Erdbeben war Haim mit Kollegen bei der Gedenkfeier in Italien: „Im Dom wurde ein Kranz für die Todesopfer der Naturkatastrophe niedergelegt. Die Friulaner können heute mit Stolz behaupten, dass sie mit viel Überlebenswillen und vor allem mit Fleiß und Liebe ihre zerstörte Heimat wieder aufgebaut haben.“
„Etwas Vergleichbares gab es nie wieder – zum Glück“
In seiner langen Zeit beim Roten Kreuz hat der langjährige und mehrfach geehrte Bereitschaftskommandant viele Einsätze absolviert. „Aber etwas, was mit dem Erdbeben in Friaul vergleichbar wäre, nicht noch einmal. Zum Glück.“
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