Barockoper in Graz

„Castor et Pollux“ als poetisches Gesamtkunstwerk

Steiermark
12.04.2026 13:27

Die Grazer Oper bringt mit Jean-Philippe Rameaus „Castor et Pollux“ eine nicht allzu oft gespielte Barockoper auf die Bühne. In der Regie von Nanine Linning wird der Abend zu einem poetisch-sinnlichen Gesamtkunstwerk.

Ach, die Liebe ist ein seltsames Spiel! „Castor et Pollux“ ist die Geschichte der titelgebenden Brüder, die sich letztlich um eine Frau – Télaïre – dreht: Der eine – Castor – liebt sie. Der andere – Pollux – soll sie heiraten. Pollux ist bereit für Castor zu verzichten. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, denn da ist noch Télaïres Schwester Phébé, die ebenfalls in Castor verliebt ist. Die Liebeswirren des Quartetts beginnen sich rasant zu drehen, führen bis in die Unterwelt – und letztlich bis zur gemeinsamen Gestirnwerdung der beiden einander uneingeschränkt zugeneigten Brüder.

Mit „Castor et Pollux“ hat Jean-Philippe Rameau einen Meilenstein der Operngeschichte geschaffen, der jedoch selten auf den Spielplänen der  Opernhäuser zu finden ist. Warum? Diese Frage stellt man sich nach der Premiere der Barockoper in Graz auch. Die Musik (in Graz spielt man eine gekürzte Version von Rameaus ohnehin schon gekürzter Zweitfassung der Oper) ist von betörender Schönheit, zudem ist der antike Stoff zeitlos und lässt viel Raum für inszenatorische Eingriffe.

Inszenierung mit großem Gestaltungswillen
Damit wären wir auch bei der ersten Stärke der Grazer Inszenierung: Regisseurin Nanine Linning findet einen Zugang zu dem Werk, der starken Gestaltungswillen beweist, zugleich aber auch sehr originaltreu bleibt. Sie Versetzt die Handlung in eine (vom Kollektiv Van Veen & Mus geschaffene) Welt, die nur noch in ihren Aggregatszuständen zu bestehen scheint: Felsen stehen auf der Bühne, als Videoprojektionen fließt das Wasser in Form von Wellen, Wolken und Luftbläschen über halbdurchsichtige Leinwände und verleiht dem Raum poetische Tiefe.

Chor, Tänzer und Solisten agieren in „Castor et Pollux“ in Graz als Einheit.
Chor, Tänzer und Solisten agieren in „Castor et Pollux“ in Graz als Einheit.(Bild: Werner Kmetitsch)

Die Kostüme von Irina Shaposhnikova – ein Mix aus seidenem Glamour und Exoskelet – verleihen den Figuren eine Mystik, die auch durch den Einsatz von Bewegung unterstrichen wird. Denn Linning, die auch Choreografin ist, schnürt Darsteller und Chor nicht nur in ein recht enges Bewegungskorsett, sondern stellt ihnen auch vier Mitglieder des Ballettensembles zur Seite, die immer wieder wie Wassertropfen in der Inszenierung aufschlagen und das Personal in wellenartige Bewegung versetzen. Das Resultat ist eine Art stilistisches Gesamtkunstwerk, das sich perfekt in Rameaus Musik fügt. 

Musik mit Leichtigkeit und Gravitas
Womit wir bei der zweiten Stärke des Abends wären: Denn auch musikalisch lässt dieser wenig Wünsche offen: Dirigent Bernhard Forck und die Grazer Philharmoniker – ergänzt durch Cembalo und Gambe – finden in ihrem Zugang zu Rameau ein wunderbares Gleichgewicht aus tänzerischer Leichtigkeit und dramatischer Gravitas. Famos auch der Chor der Grazer Oper, der für einige der bewegendsten Momente des Abends sorgt.

Castor (Sébastian Monti) und Pollux (Nikita Ivasechko, li.)
Castor (Sébastian Monti) und Pollux (Nikita Ivasechko, li.)(Bild: Werner Kmetitsch)

Das gesangliche Glanzstück des Abends liefert Sofia Vinnik als Phébé – intensiv, glasklar und tief emotional legt sie die Rolle an. Kraftvoll ist Nikita Ivasechko als Pollux, Sieglinde Feldhofer legt ihre Télaïre sehr lyrisch an, Sébastian Monti ist ein solider Castor. Daeho Kim, Franz Gürtelschmied, Will Frost und Ekaterina Solunya komplettieren das überzeugende Ensemble.

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