Die Regierung streitet munter weiter. Das jüngste Thema ist der pinke Vorstoß für eine Verlängerung der Volksschule. Die ÖVP reagiert darauf verschnupft. Generalsekretär und Bildungssprecher Nico Marchetti ist inhaltlich strikt gegen den Vorschlag, wie er zur „Krone“ sagt. Und ärgert sich darüber, dass ständig neue Themen auf den Tisch gelegt werden ...
Es können nicht permanent neue Forderungen dazukommen, „zuerst sollten wir das abarbeiten, was schon da ist“, so ein verärgerter ÖVP-General.
Auch inhaltlich kommt der Vorschlag für ihn nicht infrage. „Ich bin klar gegen eine sechsjährige Volksschule. Die Volkspartei wird ganz bestimmt kein Beitragstäter bei der Zerstörung des Gymnasiums sein. Das Gymnasium ist eine wichtige, beliebte und sinnvolle Schulform und wird es auch bleiben“, so Marchetti zur „Krone“.
Die Volkspartei wird ganz bestimmt kein Beitragstäter bei der Zerstörung des Gymnasiums sein.
ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti
Der Vorstoß kam von der pinken Wiener Bildungsstadträtin Bettina Emmerling und wurde umgehend von Bildungsminister Christoph Wiederkehr aufgegriffen. Nur wenige Tage später verkündete das Bildungsministerium, dass bereits Vorarbeiten für Pilotprojekte zu einer Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre laufen würden. Im Regierungsprogramm hat sich die schwarz-rot-pinke Koalition lediglich vorgenommen, „Modellregionen für die Gemeinsame Schule der Zehn- bis 12- bzw. 14-Jährigen“ zu erleichtern.
In 14 Ländern der Union gibt es eine sechsjährige Primarstufe. Eine Volksschule für die Sechs- bis Zwölfjährigen, wie sie Bildungsminister Christoph Wiederkehr und die Wiener Bildungslandesrätin Bettina Emmerling (beide NEOS) in Pilotprojekten in der Bundeshauptstadt erproben wollen, findet man aktuell in neun EU-Ländern (Belgien, Griechenland, Irland, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Slowenien, Spanien, Zypern). In Malta wird die sechsjährige Volksschule schon ab einem Alter von fünf Jahren besucht, in Estland geht man ab sieben in die Põhikool. Auch in Finnland, Lettland und Schweden beginnt die sechsjährige Primarstufe erst bei den Siebenjährigen.
Vier Jahre Volksschule wie in Österreich findet man in der EU sonst nur in sechs weiteren Ländern. In Deutschland, der Slowakei und Ungarn gilt die Schulpflicht dabei wie hierzulande ab sechs Jahren, in Kroatien, Litauen und Polen ab sieben. In Deutschland mit seinen je nach Bundesland sehr unterschiedlichen Bildungssystemen gibt es mit Berlin und Brandenburg Sonderfälle: Dort dauert die Grundschule sechs Jahre.
Kein Zusammenhang zwischen Dauer und Gesamtschule
In Bulgarien, Frankreich, Italien, Rumänien und Tschechien verbringen die Kinder fünf Jahre in der Volksschule. In der bulgarischen Natchalno utchilishte geht es mit sieben Jahren los, in den übrigen Ländern mit sechs. Eine siebenjährige Volksschule findet man in der Union nur in Dänemark, die Folkeskole oder Grundskole wird von Kindern zwischen sechs und 13 besucht.
Zwischen der weiteren Ausgestaltung des Bildungssystems und der Dauer der Primarstufe scheint es übrigens keinen direkten Zusammenhang zu geben: Unter den 13 EU-Ländern, die ein Gesamtschulsystem haben, findet man Länder wie Polen mit seinen vier Jahren Primarstufenzeit genauso wie Dänemark mit sieben. Bei den 14 EU-Ländern mit einer sechsjährigen Volksschule halten sich jene mit einer Gesamtschule und einem differenzierten Schulsystem wie Österreich mit seiner Aufteilung der Zehnjährigen auf Mittelschule und AHS die Waage.
Wien habe den Wunsch geäußert, Modellregion für eine sechsjährige Volksschule zu sein. „Den unterstütze ich auch, indem wir jetzt ein pädagogisches Konzept entwickeln“, so der Bildungsminister. Wiederkehr selbst hatte die Verlängerung der Volksschule in seiner Zeit als Wiener Bildungsstadtrat als Alternative zur klassischen Gesamtschule bis 14 ins Spiel gebracht, dementsprechend spricht von einem pädagogisch sinnvollen Modell.
Nach Ansicht Marchettis braucht es für dieses Vorhaben die Zustimmung der ÖVP und diese wird es nicht geben. „So nicht“, sagt Marchetti. Wiederkehr habe bereits einige Vorschläge gemacht, wie die Reform der Lehrpläne mit einer Reduktion von Latein- und Fremdsprachenstunden zugunsten von KI- und Medienkompetenz. Marchetti ist auch bei diesem Thema „skeptisch“. „Im Detail kann ich das aber nicht beurteilen, weil noch immer nichts Konkretes vorgelegt wurde.“
SPÖ ist teilskeptisch und ruft zur Ruhe auf
Wie schon bei der Verlängerung der Wehrpflicht spielt sich der Regierungsstreit hauptsächlich zwischen ÖVP und Neos ab. Die SPÖ äußert sich aber zum Teil auch skeptisch. Als Befürworterin der Gesamtschule ist sie zwar dafür, „dass Kinder möglichst lange gemeinsam lernen“, wie Bildungssprecher Heinrich Himmer sagt. Gleichzeitig weist er darauf hin, „dass es nicht zu einer dritten parallelen Schulform kommen soll und wünscht sich, dass man Dinge in der Koalition weiter gemeinsam löst, statt einander Dinge öffentlich auszurichten“.
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