Wut in Deutschland
Jahrelange Fehlplanung führt zu Bahnchaos in Mainz
Wer derzeit nach Mainz fahren oder dort in den Regionalverkehr umsteigen möchte, muss mit Zugausfällen und Verspätungen rechnen. Seit etwa einer Woche fahren die meisten Fernzüge den Hauptbahnhof gar nicht mehr an, seit Montag werden Fern- und sogar Regionalzüge schon tagsüber umgeleitet. Das gesamte Rhein-Main-Gebiet und Südhessen seien inzwischen betroffen, so die Deutsche Bahn.
Das Problem in Mainz wurde akut, weil zu vielen Urlauben einige Krankenstände dazukamen - nun fehlt fast die Hälfte der Fahrdienstleiter. Die Bitte der Bahn-Chefs an ebendiese, ihren Urlaub abzubrechen, kam gar nicht gut an - sie seien durch den anstrengenden Job an sich sowie jahrelange Überstunden wegen des Personalmangels oft am Ende ihrer Kräfte, wie unter anderem der "Spiegel" berichtet.
Personalmangel und Überalterung
Das Problem der fehlenden Fahrdienstleiter ist komplex: Jahrelang sparte die Bahn beim Personal, baute Stellen ab, statt Personen einzustellen - sodass nun eine ganze Generation fehle, wie ein Betroffener, der anonym bleiben wollte, gegenüber dem Magazin erzählte. Das Durchschnittsalter in der Netzsparte liegt bei 47 Jahren - die Überalterung ist laut Nachrichtenagentur Reuters seit mindestens vier Jahren bekannt, wie Dokumente aus der Personalabteilung belegen würden.
Mäßige Bezahlung für schwierigen Job
Dass der Job als Fahrdienstleiter keine große Anziehung ausübt, verwundert wenig: Der Lohn liegt zwischen 2.200 und 3.000 Euro brutto, dafür ist ständig höchste Konzentration gefragt - in abgedunkelten Räumen im Schichtdienst, für den es gerade einmal 200 Euro Prämie gibt. Wegen des Personalmangels wechseln sich laut "Spiegel" oft Nacht- mit Spätschichten ab, an Frühschichten würden oft noch halbe Aushilfsschichten gehängt - und die Planung werde oft von einem Tag auf den anderen umgeworfen.
Arbeit erfordert Spezialwissen
Der Personalmangel ist nicht so einfach zu beheben: Die Schulung zum Fahrdienstleiter dauert sieben Monate, sodass Mitarbeiter aus anderen Bereichen der Bahn nicht kurzfristig versetzt werden können. Zudem können kaum Fahrdienstleiter aus anderen Städten aushelfen, da es für den Job unbedingt erforderlich ist, die Besonderheiten des Schienennetzes, Fahrpläne, Weichen und vieles mehr aus dem Effeff zu beherrschen.
Dazu kommt, dass diverse verschiedene Stellwerke existieren: Von Uralt-Modellen, in denen Weichen noch per Hand gestellt werden müssen, bis zu Hightech-Arbeitsplätzen, bei denen technisches Know-how gefragt ist, ist alles dabei.
Ähnliche Ausfälle drohen deutschlandweit
Nun ist es höchste Eisenbahn, und zwar nicht nur in Mainz. Der Vorstandschef der Deutsche Bahn Netze AG, gab im ARD-"Morgenmagazin" zu: "Wir haben bundesweit eine angespannte Situation." Deshalb sollen noch 2013 600 neue Fahrdienstleiter eingestellt werden. Der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft reicht das nicht - nicht nur bei den Stellwerken werde falsch geplant, so der Chef Alexander Kirchner: "Wir haben auch in anderen Bereichen eine Reduzierung des Verkehrs, weil Personal fehlt."
Politik mischt sich ins Bahnchaos ein
Um das Chaos in den Griff zu bekommen, ist nun der Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, mit gutem Beispiel vorangegangen und hat seinen Urlaub abgebrochen. Allerdings vermutlich nicht ganz freiwillig, denn die Politik hat das Personalproblem als Wahlkampfthema für sich entdeckt.
So kritisierte etwa SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück am Dienstag in der "Passauer Neuen Presse", man dürfe die Fahrdienstleiter nicht wegen schlechter Planung aus dem Urlaub holen - diese "brauchen ihre Erholung, sonst betreibt man Raubbau an ihnen", so Steinbrück. Und FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sagte gegenüber der Mainzer "Allgemeinen Zeitung" gar, es handle sich um eine "internationale Blamage": "Hier wird eine ganze Region in Geiselhaft genommen." Er forderte, eine Umstrukturierung der Bahn anzudenken.
"Das muss ein Ende haben"
Auch das Verkehrsministerium hat sich inzwischen zu Wort gemeldet: "Das muss ein Ende haben", sagte eine Sprecherin am Montag in Berlin. Um diese Forderung umzusetzen, will Grube am Mittwoch in Frankfurt an einem Gespräch mit Personalverantwortlichen der Bahn und der Gewerkschaftsführung teilnehmen.
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