06.08.2013 21:37 |

"Unmenschlich"

Ungarn: Polit-Streit um Trinkwasser für Roma

Rekordtemperaturen, extreme Trockenheit und nicht genug Trinkwasser: Die Entscheidung der Stadtverwaltung im nordungarischen Ozd, die Trinkwasserversorgung drastisch zu verringern, schlägt sowohl in Ungarn als auch europaweit hohe Wellen. Die Kommunalverwaltung gab die extreme Wasserverschwendung in den mehrheitlich von Roma bewohnten Vierteln als Grund an. Deutschlands Grüne protestieren gegen diesen "humanitären Skandal" und verlangen eine Stellungnahme der EU.

Während in Ungarn demnächst Temperaturen über 40 Grad im Schatten erwartet werden, fließt seit dem Wochenende aus Dutzenden Straßenbrunnen kein Wasser mehr bzw. nur noch mit verringerter Intensität. Besonders fatal für all jene Bewohner, die über keinen eigenen Wasseranschluss verfügen und auf die öffentlichen Brunnen als Spender angewiesen sind. Hierbei handelt es sich mehrheitlich um Mitglieder der Roma-Minderheit.

Stadtverwaltung beklagt Wasserverschwendung
Die Begründung des Rathauses von Ozd: Die Bewohner in einigen Siedlungen würden Wasser in extremen Mengen verschwenden. So habe laut Bürgermeister Pal Fürjes eine Untersuchung der insgesamt 123 Brunnen im vergangenen Jahr ergeben, dass zahlreiche Ortsbewohner das kostenlose öffentliche Wasser für das Bewässern ihrer Felder, zum Autowaschen und sogar für das Schnapsbrennen verwenden würden. In ungarischen Medien wird der von der Stadtverwaltung angegebene Schaden mit rund zehn Millionen Forint (mehr als 33.000 Euro) beziffert.

Da die Kommune teilweise ihre Wasserrechnungen nicht mehr bezahlen konnte, habe sich die Verwaltung zu diesem Schritt gezwungen gesehen, berichteten ungarische Medien. Ozd wird von einer Fidesz-Mehrheit und damit von Parteifreunden des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban regiert.

Regierungspartei: "Verantwortungsvolles Handeln"
Die Fidesz nannte es "verantwortungsvoll und rechtmäßig", dass der Bürgermeister "nicht tatenlos zusieht", wie in Ozd manche Leute gratis Wasser aus Hydranten holten, während andere Bewohner für ihre Wasserversorgung bezahlten. Fürjes warf den Oppositionsparteien vor, dieses Thema lediglich für ihren Wahlkampf zu nutzen.

Opposition fordert Wiederherstellung der Wasserzufuhr
Die oppositionellen Sozialisten forderten am Dienstag Innenminister Sandor Pinter auf, sofort die Wiederherstellung der Wasserzufuhr in Ozd anzuordnen, falls Fürjes sein Versprechen nicht wahrmache, die Brunnen wenigstens zeitweise zu öffnen. Bereits am Montag hatte das linksliberale Oppositionsbündnis Együtt-PM erklärt, dass die Maßnahme nicht nur "unmenschlich, sondern auch rechtswidrig und gefährlich für die Gesundheit im ganzen Ort" sei. Außerdem verwies das Bündnis darauf, dass Ozd von der Schweizer Regierung 1,5 Milliarden Forint (ca. fünf Millionen Euro) geschenkt bekommen habe, speziell um die Wasserversorgung im Roma-Viertel einzurichten.

Mittlerweile sehen zwar zahlreiche Abgeordnete quer durch alle politischen Lager ein, dass die Trinkwasserverknappung problematisch ist. Doch es wird nach wie vor betont, dass die Entscheidung im Juni dieses Jahres gefallen sei. Damals habe man eben "nicht wissen können, welche Wetterverhältnisse auf uns zukommen", meinte Bürgermeister Fürjes. Das Thema habe "mit der Hitzewelle nichts zu tun".

Stundenlanges Anstellen in der prallen Sonne
Für die betroffenen Menschen in Ozd bedeutet das aber vorerst wenig Trost. Sie müssen weiterhin stundenlang in der prallen Sonne Schlange stehen, um ihre Kübel und Flaschen aus Brunnen mit sehr dünnem Strahl zu füllen. Für einen Zehn-Liter-Kübel benötigt man mehrere Minuten. Dazu kommen aber auch noch teilweise Probleme mit ramponierten Brunnen, deren Hebel abgebrochen sind, und wo es auch mit Metallstangen übermäßiger Kraftaufwendung bedarf, um das Wasser fließen zu lassen.

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