Die etwas mehr als ein Dutzend Missionen lange Hauptkampagne von "Company of Heroes 2" handelt von den Erlebnissen eines gealterten russischen Soldaten, der sich an seine Zeit an der Ostfront zurückerinnert. Die Rückeroberung Stalingrads, Schlachten in den Vororten Moskaus und das Zurückdrängen von Hitlers Truppen – die Sowjet-Kampagne führt den Spieler in packend inszenierten Schlachten und mit reichlich spektakulären Rendervideos einmal quer durch die Ostfront.
Schon beim Vorgänger zählten die spannende Handlung und die packende Erzählweise zu den Stärken des Spiels. Und auch in Teil zwei gelingt es Entwickler Relic vortrefflich, den Spieler in den Bann der Schlachten zu ziehen. Die filmreifen Zwischensequenzen erinnern an Kriegsfilme wie "Duell: Enemy at the Gates", den Schrecken des Krieges stellt das Spiel ganz unverblümt dar.
Bedrückende Bilder
Sowjetische Offiziere, die Deserteure erschießen. Panzerbesatzungen, die mitsamt ihrem Kriegsgerät nach einem Granateneinschlag auf einem zugefrorenen See einbrechen und in ihrem eisigen Grab auf den Grund sinken, oder im eisigen russischen Winter erfrierende Soldaten – "Company of Heroes 2" spart nicht mit bedrückenden Bildern.
Die Schlachten selbst sind äußerst fesselnd gestaltet und voller gescripteter Ereignisse - ständig passieren unvorhergesehene Dinge. Mal macht ein plötzlich auftauchender deutscher Panzer einen mühsamen Vorstoß zunichte, mal eröffnet aus heiterem Himmel ein gegnerisches MG das Feuer auf vorrückende Stoßtruppen und mal stoßen wir auf Zivilisten, die möglichst schnell aus der Gefahrenzone gebracht werden müssen. Dass es dabei an allen Ecken und Enden kracht, rumst und explodiert, versteht sich von selbst.
Trotz spektakulärer Schlachten viel Realismus
Entwickler Relic hat allerdings trotz der opulenten Inszenierung Wert auf Realismus gelegt. Einheiten haben ein Sichtfeld und können nicht durch Gebäude hindurch sehen. Bodentruppen erfrieren in der eisigen Kälte des russischen Winters nach einiger Zeit, wenn man sie nicht in einem Gebäude oder an einem Feuer in Sicherheit bringt. Und die Spielumgebung kann taktisch genutzt werden – etwa, indem man auf zugefrorenen Gewässern durch das Sprengen der Eisschicht Fahrzeuge einbrechen lässt.
Die Schlachten in "Company of Heroes 2" gehören zu den besten, die wir seit längerer Zeit in einem Echtzeitstrategiespiel gesehen haben. Sie erinnern durch ihre Hektik und die Tatsache, dass sich das Spiel vor allem um geschicktes Truppenmanagement und weniger um den Basisbau dreht, an die rasanten Scharmützel aus Blizzards Multiplayer-Perlen "Warcraft 3" oder "Starcraft 2".
Basisbauer werden enttäuscht, zu tun gibt's aber genug
Apropos Basisbau: Wer Wert auf den Bau eines Stützpunktes, das durchdachte Errichten von Verteidigungsanlagen und den Neubau von Panzern, Truppen oder Flugzeugen legt, der wird mit "Company of Heroes 2" vermutlich nur bedingt glücklich. Zwar können Pioniertrupps einige einfache Gebäude wie Bunker errichten, mit dem Basisbau hält man sich aber kaum auf. Einheiten werden angefordert und sofort ins Gefecht geschickt, das Produktionsmanagement ist auf das Nötigste beschränkt.
Immerhin: Truppen und Fahrzeuge können aufgerüstet werden. Erfahrene Panzer, die mit einem Maschinengewehr modifiziert werden, sind weit effektiver gegen Fußsoldaten. Und Pioniere, die das Flammenwerfer-Upgrade bekommen, räuchern feindliche Bunker in kürzester Zeit aus. Von getöteten Feinden hinterlassene Ausrüstung kann für den eigenen Vorteil verwendet und feindliche Fahrzeuge können erbeutet werden. Zu tun gibt's trotz quasi fehlendem Basisbau mehr als genug.
Spielverlauf teilweise hektisch, Steuerung fummelig
Und hier liegt auch eine der wenigen Schwächen von "Company of Heroes 2": In der Hitze des Gefechts gestaltet sich die Steuerung schnell fummelig. Sind die eigenen Truppen weitläufig auf der Karte verteilt, artet das Management selbiger schnell in Hektik aus.
Und dass die künstliche Intelligenz der eigenen Truppen nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist – sie weichen Granaten und Artilleriebeschuss beispielsweise nicht selbstständig aus –, macht's nicht unbedingt leichter. Tatsächlich hatten wir im Test das Gefühl, die Gegner-KI ist besser als jene der eigenen Truppen.
Hübsche, aber farblose Optik und toller Sound
Dafür macht das Game sowohl optisch als auch akustisch eine Menge her. Die Grafik ist schön detailliert, Truppen, Kriegsgerät und die Schauplätze sind gut getroffen. Wegen des Ostfront-Schauplatzes ist das Spiel zwar nicht sonderlich farbenfroh, stimmig sind die Schauplätze aber allemal.
Die Effekte sind sehr hübsch – Explosionen wirbeln beispielsweise ordentlich Staub auf – und auch die Akustik ist sehr gut getroffen. Überall knallt und kracht es, dass es eine Freude ist. Höchstens bei der Sprachausgabe gibt es leichten Grund zum Tadel: Der russische Akzent der Truppen nervt mit der Zeit.
Multiplayer- und Gefechts-Modus fesseln über Wochen
Wer statt der Sowjets lieber die Wehrmacht kommandiert, kommt im Multiplayer- und im sehr guten Skirmish-Modus auf seine Kosten. Beide bieten verschiedene Spielmodi, darunter Koop-Schlachten gegen den Computer, und lassen dem Spieler die Wahl zwischen den beiden Fraktionen. Die Mehrspielerschlachten sind ebenso rasant wie jene der Kampagne, wenn nicht sogar noch schneller.
Der Skirmish-Modus lässt den Spieler mit der Fraktion seiner Wahl Schlachten des Zweiten Weltkriegs nachspielen, wobei der Spieler durch gewonnene Gefechte im zeitlichen Verlauf des Kriegs voranschreitet und sich einmal quer durch die Geschichte spielt. So wird die tolle Kampagne noch um reichlich hochkarätiges Echtzeitfutter ergänzt und Spielspaß für Wochen, wenn nicht Monate sichergestellt.
Fazit: "Company of Heroes 2" ist eines der besten Echtzeitstrategiespiele der letzten Monate, wenn nicht Jahre, und sei hiermit jedem Genre-Fan ausdrücklich ans Herz gelegt. Wer es gemächlich mag und Wert auf Basisbau legt, der wird vielleicht nicht vollkommen glücklich mit dem Spiel. Die sehr gute Kampagne könnte aber auch diese Spielerfraktion in ihren Bann ziehen. Wäre nicht die etwas fummelige Steuerung und die künstliche Dummheit der eigenen Truppen, hätte "Company of Heroes 2" das Zeug zum Referenzwerk. So reicht es immer noch für eine Topbewertung. Angesichts der momentan ohnehin überschaubaren Zahl der Strategie-Neuerscheinungen ist ein gelungener Titel wie dieser für Hobbygeneräle Gold wert - gerade zu Ferienbeginn.
Plattform: PC (getestet)
Publisher: Sega
krone.at-Wertung: 9/10
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.