Reporter bilanziert
Michael Graczyk, der Mann der 500 Hinrichtungen
Von 1984 an war Graczyk meist dabei, wenn im Bundesstaat mit der weitaus größten Zahl an Hinrichtungen wieder einmal die Todesstrafe vollzogen wurde. Etwa alle drei Wochen habe er jemanden sterben gesehen, so Graczyk in seiner Bilanz des Schreckens. Schauplatz war immer derselbe: die Todeskammer im Gefängnis von Huntsville.
"Stille Nacht" am Todesbett
Besonderen Eindruck hat etwa Jonathan Nobles hinterlassen. Er sang "Stille Nacht", während er die tödliche Injektion erhielt, berichtet Graczyk. Noch während der ersten Strophe schnappte Nobles nach Luft und verlor das Bewusstsein. Seither sei Weihnachten für ihn nicht mehr dasselbe wie zuvor, so Graczyk.
Die erste Hinrichtung, die der Journalist sah, war im März 1984 jene von J. D. "Cowboy" Autry. Ihm wurde eine Giftspritze verabreicht. Sechs Monate zuvor war der Mann der Exekution noch um Haaresbreite entgangen: Er lag festgeschnallt an der Bahre, die Nadeln bereits injiziiert, als ihn der Oberste Gerichtshof vorerst begnadigte. Seither muss über Begnadigungen entschieden werden, bevor der Todeskandidat seinen letzten Weg antritt.
Verzweifelte Befreiungsversuche
Graczyk erlebte eine Vielzahl an letzten Worten oder Taten. Ponchai Wilkerson etwa spuckte einen Handschellenschlüssel aus, bevor er das Zeitliche segnete. Er hatte ihn offenbar in seinem Mund versteckt gehabt und gehofft, irgendwie davonzukommen. Carl Kinnamon wiederum sprach ohne Unterlass, um dadurch der Exekution zu entgehen. Schließlich versuchte er, sich aus der ledernen Zwangsjacke zu befreien - ohne Erfolg.
Lieder, Gedichte, Gebete und Bibelzitate stehen laut Graczyks Schilderungen ganz oben auf der Liste der letzten Worte. Manchmal nützen die Verurteilten ihre letzte Artikulationsmöglichkeit jedoch auch für wüste Beschimpfungen. Und: Zumindest zwei der Todeskandidaten, die der Reporter in ihren letzten Stunden begleitete, bedankten sich bei der American-Football-Mannschaft Dallas Cowboys dafür, dass sie ihr Leben erhellt hätte.
Wettbewerb "Dead Man Laughing"
Besonders einfallsreich war Patrick Knight. Er startete vor seiner Hinrichtung einen Witze-Wettbewerb namens "Dead Man Laughing". Die Öffentlichkeit war aufgerufen, ihm Witze zu schicken, wovon er einen bei seiner Exekution erzählen wollte. Nach seinen Angaben bekam er 1.300 Zuschriften. Knight entschied sich für den "Witz", gar nicht er selbst zu sein - die Behörden würden die falsche Person hinrichten.
Und dann war da noch Johnny Frank Garrett, der sich laut Graczyk bei seiner Familie für die Liebe und Fürsorge bedankte, um mit der wenig feierlichen Botschaft abzuschließen: "Der Rest der Welt kann meinen Hintern küssen."
Hinrichtungszeit verschoben, um Überstunden zu sparen
Doch nicht nur die Todeskandidaten und ihr Verhalten in den letzten Augenblicken ihres Lebens wechselten über die Jahre. Auch die Gegebenheiten in Huntsville veränderten sich. Bei der Hinrichtung von Raymond Landry sprang eine Nadel aus dem Arm des Verurteilten, das tödliche Gift wurde im Raum verspritzt. Daraufhin wurde der schlichte Gitterstab im Fenster zwischen Todeskammer und jenem Raum, von dem aus die Hinrichtung beobachtet werden kann, durch eine Schicht aus durchsichtigem Plastik ersetzt.
Außerdem wurde der Zeitplan geändert. Die ersten Exekutionen, die Graczyk zu Beginn der 1980er-Jahre sah, fanden unmittelbar nach Mitternacht statt. Mittlerweile sind sie für sechs Uhr abends angesetzt. Für Anwälte und Richter sei das bequemer - und das Gefängnis spare sich Kosten für die Überstunden, so Graczyks Interpretation.
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