Düstere Zukunft

“Remember Me” leidet unter Gedächtnisschwund

Spiele
21.06.2013 11:29
Es ist eine düsterere Zukunftsvision, die das französische Entwicklerstudio Dotnod Entertainment in seinem Erstlingswerk "Remember Me" mit imposanten Bildern zeichnet und mit einigen durchaus frischen Gameplay-Ideen garniert. Warum der Mix aus Action-Adventure und Prügelkost am Ende doch nicht vollends überzeugt, verrät der Test.

"Remember Me" versetzt Spieler in das Paris des Jahres 2084. Persönliche Erinnerungen lassen sich mittlerweile digitalisieren, um sie zu kaufen, zu verkaufen und mit ihnen Handel zu treiben. Die letzten Überbleibsel an Privat- und Intimsphäre wurden weggefegt, die Hoheit über sämtliche Erinnerungen und damit die Gesellschaft liegt in den Händen einiger Mächtiger. Die Bürger selbst haben diese Art der Überwachungsgesellschaft akzeptiert - als Kompromiss für den Komfort, den die fortschrittliche Technologie bereitzustellen vermag.

Nicht so Nilin. Ihrer persönlichen Erinnerungen beraubt, setzt die junge Frau alles daran, ihre Identität wiederzuerlangen und jene zur Rechenschaft zu ziehen, die für ihren Gedächtnisverlust verantwortlich zeichnen. Bis dahin ist es für die ehemalige Gedächtnis-Jägerin mit der Fähigkeit, in anderer Menschen Gedanken einzudringen und diese zu manipulieren oder gar zu stehlen, jedoch noch ein weiter Weg: Sie muss ihrem Gedächtnis erst wieder auf die Sprünge helfen und bei null anfangen…

Kombos zum Selberbasteln
Die französischen Entwickler von Dontnod Entertainment nützen den Gedächtnisverlust der Protagonistin dramaturgisch geschickt aus, indem sie ein durchaus innovatives Kampfsystem einführen, bei dem die jeweiligen Funktionen der einzelnen Controller-Tasten zunächst wiedererlernt werden müssen. Erst wenn Nilin um ihre Bedeutung weiß, lassen sich die Tasten im sogenannten ComboLab zu individuellen Kombos zusammenfügen.

Spieler können so beispielsweise entscheiden, ob ihre Angriffe besonders viel Schaden verursachen oder nicht doch stattdessen lieber ein Stück der eigenen Gesundheit regenerieren sollen. Nicht beeinflussen lässt sich hingegen die Länge der Kombos. Die Folgen, insbesondere für weniger kampferprobte Spieler, sind leider nur schwer zu merkende Tastenkombinationen, sodass Auseinandersetzungen oftmals in hektisches Knöpfchengedrücke ausarten.

Auf den Spuren von "Prince of Persia"
Wenn Nilin sich nicht gerade mit Händen und Füßen sowie einigen nach und nach erlernbaren Spezialfertigkeiten zur Wehr setzt, klettert sie an Wänden empor, springt über Dächer oder schleicht an Drohnen vorbei. Herausfordernd sind diese Hüpf- und Kletterpassagen bis auf wenige Ausnahmen zwar nicht, dafür erlauben sie es, nebst der geschmeidigen Bewegungsabläufe einen Blick auf die großartige Kulisse von Neo-Paris zu werfen. Wer auf die Cyberpunk-Optik von Filmen wie "Blade Runner" oder "Strange Days" steht, wird an "Remember Me" seine Freude haben.

Leider kann die stimmungsvolle Optik des Spiels nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Capcom-Titel in seinem Innersten einem Fleckerlteppich gleicht: Viele durchaus originelle, aber nicht überzeugend zu Ende gedachte Gameplay-Elemente scheinen um die spielbestimmenden Prügeleien herum konstruiert worden zu sein und wirken deshalb aufgesetzt. Es fehlen der rote Faden und ein stimmiges Gesamtkonzept.

Gedanken-Pfusch
Besonders deutlich wird dies an den sogenannten, von den Machern als "innovative neue Gameplay-Mechanik" angepriesenen, Erinnerungs-Remixen. Als eine Art Regisseur darf Nilin hierbei in den Erinnerungen der Menschen herumpfuschen, um deren Ansichten und Einstellungen zu ihrem Vorteil zu manipulieren. Per Analogstick lässt sich dafür in den vergangenen Erlebnissen vor- und zurückspulen, um interaktive Objekte ausfindig zu machen und zu verändern.

Wenngleich sehr unterhaltsam, basieren die Erinnerungs-Remixe oftmals auf dem Prinzip von Versuch und Irrtum. In welcher Reihenfolge welche Gegenstände miteinander kombiniert bzw. verändert werden müssen, um die Erinnerungen des Gegenübers zu Nilins Gunsten zu beeinflussen, ist kaum ersichtlich, wodurch sich das Remixen unnötig in die Länge zieht. Dennoch ist schade, dass viel zu selten in den Gedanken anderer herumgewühlt werden darf, stellen doch ausgerechnet diese Abschnitte das entscheidende Novum des Spiels dar. 

Fazit: "Remember Me" macht anfangs so manches anders als die Konkurrenz, bringt Innovationen wie die Erinnerungs-Remixe aber nicht konsequent genug ins Spiel ein und versteift sich letztlich leider auf altbekannte Gameplay-Elemente: klassische Prügelkost und Plattform-Einlagen. Das ist insofern schade, da das grandiose Setting von Neo-Paris und die Hintergrundgeschichte zu mehr getaugt hätten. Gänzlich abschreiben darf man den Titel aber auch nicht: Die optische Aufmachung ist grandios, die Action zwar nicht originell, aber immerhin fordernd und technisch einwandfrei umgesetzt.

Plattform: PS3 (getestet), Xbox 360, PC
Publisher: Capcom
krone.at-Wertung: 7/10

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