Premiere für „Onkel Wanja“: Anton Tschechows verlorene Seelen auf dem verödenden Landgut müssen im Theater in der Josefstadt gehirnschlichten Krawallklamauk treiben.
Berührend ist das, wie der Schatten des vor zehn Jahren verstorbenen Zweijahrhunderteschauspielers Gert Voss immer noch über die Spielpläne fällt. Eben musste sich der gelungene Burgtheater-„Lear“ mit Luc Bondys Gigantenstück messen. Jetzt erinnert man sich an Voss’ letzte Rolle in Matthias Hartmanns „Onkel Wanja“. Tatsächlich nannte auch Voss das Gelingen einer Tschechow-Aufführung den Traum jedes Schauspielers: Die Todlangweile der sterbenden Gutsbesitzerklasse Minuten vor der Russischen Revolution zum Schweben zu bringen, ist die Königsaufgabe.
Von dem, was nun die Josefstadt zeigt, hat gewiss niemand geträumt: Regisseurin Amelie Niermeyer nimmt die deutsche Klamaukspritze in Betrieb, das Resultat ist ein niederschmetternd flacher, gehirnschlichter Tschechow in Fünfzigerjahre-Ödnis mit Schlagermusik, mehr der Verdickung als dem Strom der Gedanken verpflichtet. Die alte Dame Josefstadt gibt Lainz auf Ecstasy.
Dabei wäre die rasend überhitzte Szene, in der Wanja durchdreht, mit Raphael von Bargen der Abendhöhepunkt, würde nur nicht schon vorher dauerrandaliert; zeigt Johanna Mahaffy in den mikroskopischen Ruhepunkten, welcher Herzenstiefe sie fähig ist; gefallen Joseph Lorenz, Alma Hasun, Thomas Frank, Marianne Nentwich und Alexander Absenger ganz außerordentlich. Aber so laut kann provinzlerisches Mittelmaß gar nicht daherkommen, dass es nicht in die Langeweile entgleist. Leider nicht in die magische, die Tschechow gemeint hat.
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