Vor-Ort-Betreuung
Psycho-Notdienst für britische Parlamentarier
Dem House of Commons, dem britischen Unterhaus, zufolge sei eine Zunahme bei der Zahl an Abgeordneten zu verzeichnen, die wegen psychischer Erkrankungen ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen würden - ein Zeichen dafür, dass die Parlamentarier heute eher bereit seien, Probleme zuzugeben, die sie bisher unterdrückt hätten, so das Fazit.
Doch aufgrund der Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen im Allgemeinen und ihrem "Ansehen in der Gemeinde" im Besonderen sei es für Politiker äußerst schwer, psychosoziale Dienste in ihren Wahlkreisen in Anspruch zu nehmen, erklärte der zuständige Ausschuss des Unterhauses, der den neuen psychologischen Notdienst des Parlaments am Mittwoch absegnete.
Parlamentarier: "Keine bevorzugte Behandlung"
Es handle sich dabei aber nicht um eine "bevorzugte Behandlung", betonte der Labour-Abgeordnete Kevan Jones gegenüber der BBC. "Es ist nicht leicht für Abgeordnete, ihren eigenen praktischen Arzt aufzusuchen, um über Themen wie Depression oder Angst zu sprechen. Ich begrüße daher die Entscheidung der Mitglieder des Ausschusses, hier Abhilfe zu schaffen", sagte Jones. Es gehe darum, den Abgeordneten die Möglichkeit zu geben, Lösungen direkt in Westminster zu finden und Zugang zu den gleichen Dienstleistungen zu erhalten, die ihren Wählern offenstünden.
"Du sprichst nicht mit den Leuten darüber"
Jones hatte bei einer Debatte im Unterhaus im Sommer des Vorjahres für Aufsehen gesorgt, als er erstmals seine eigenen psychischen Probleme öffentlich machte. Demnach habe er im Jahr 1996 an einer "ganz tiefen Depression im Zusammenhang mit meiner Arbeit" gelitten. Er habe sehr lange darüber nachgedacht, ob er öffentlich über diese Angelegenheit sprechen solle. "Wie viele Männer versuchst du, mit so etwas alleine fertigzuwerden. Du sprichst nicht mit den Leuten darüber", so Jones.
Ein weiterer Abgeordneter, der Konservative Charles Walker, leistete seinem Kollegen daraufhin Beistand und erklärte ebenfalls mitten in der Debatte, er sei ein "praktizierender Spinner" - so beschrieb er seine Zwangsneurose, mit der er seit mehr als 30 Jahren lebe. Die beiden Parlamentarier wurden damals von zahlreichen Wohltätigkeitsorganisationen für ihre "historischen" Reden gelobt.
Gesetzesreform soll "legale Diskriminierung" beenden
Dass das britische Parlament die psychologischen Nöte seiner Mitglieder ernst nimmt, zeigt auch, dass erst am Montag eine Gesetzesregelung gekippt wurde, wonach Abgeordnete nach einer länger als sechs Monate dauernden psychischen Erkrankung ihren Sitz im Parlament verlieren können. Die Gesetzesreform, welche die "legale Diskriminierung von psychisch kranken Politikern", wie es der Sprecher des zuständigen Ausschusses bezeichnete, beenden soll, benötigt nun nur noch die königliche Zustimmung, um in Kraft zu treten.
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