Prozess in Indien
Tod von Studentin: “Ein Ereignis, das zum Wandel führt”
Zum Prozessauftakt am Dienstag sagte der 28-jährige Begleiter der Frau aus der Tatnacht vor dem Schnellgericht aus. Der Hauptzeuge der Anklage war am 16. Dezember gemeinsam mit der Studentin nach einem Kinobesuch in einen Bus gelockt worden. In dem rollenden Fahrzeug wurde die Frau von den Männern brutal vergewaltigt und mit ihrem Begleiter, der versucht hatte, sie zu beschützen, mit einer Eisenstange gefoltert. Die 23-Jährige war Ende Dezember schließlich an ihren Verletzungen gestorben.
Verdächtige mit Masken, Zeuge im Rollstuhl
Die gefesselten Verdächtigen wurden am Dienstag mit schwarzen Masken, die ihr Gesicht verhüllten, in den Gerichtssaal geführt. Der 28-Jährige wiederum wurde in einem Rollstuhl von seinem Vater in die Räume des Gerichts gefahren. Am Rande des Verfahrens, das hinter verschlossenen Türen stattfindet, sagte der Vater, sein Sohn habe die fünf Männer vor Gericht als Täter identifiziert. In Begleitung der Verteidigung wurde der 28-Jährige auch zu dem Bus geführt - er erkannte ihn als das Fahrzeug wieder, in dem die Gräueltaten begangen wurden.
Die fünf erwachsenen Angeklagten haben sich im Vorverfahren für nicht schuldig erklärt. Die Staatsanwaltschaft soll allerdings erdrückende Beweise haben. So sollen Ermittler unter anderem Blutspuren des Opfers auf der Kleidung der Männer gefunden haben. Wann es zu einem rechtskräftigen Urteil kommen wird, ist nicht absehbar. Gegen eine Entscheidung des Schnellgerichts können die Männer in Berufung gehen. Sollten sie zum Tode verurteilt werden, können sie ein Gnadengesuch beim Präsidenten stellen.
"Tragischer Fall hatte große Wirkung"
Doch die Causa hat sich bereits jetzt massiv auf die indische Gesellschaft ausgewirkt. Der Fall der ermordeten 23-Jährigen sei tragisch, "aber er hatte auch eine große Wirkung", meinte etwa die Frauenrechtlerin und Soziologin Ranjana Kumari. "Sexualstraftaten, Gleichstellung der Geschlechter und verwandte Themen sind das erste Mal seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 auf die politische Tagesordnung gekommen." Die Menschen seien nicht länger bereit, die Untätigkeit der Regierung beim Thema Frauenschutz zu tolerieren, und forderten Ergebnisse.
Auch der bekannte Unternehmer Nandan Nilekani, der die Entwicklungen in dem Prozess gespannt mitverfolgt, erklärte, dass die bisher vielfach tolerierte Gewalt gegen Frauen nie zuvor so breit diskutiert worden wäre. "In jeder Gesellschaft gibt es ein Ereignis, das zum Wandel führt", so Nilekani. Der frühere Chef des Technologieunternehmens Infosys verglich die derzeitige Stimmung in Indien mit jener in den USA zu Beginn der Bürgerrechtsbewegung.
Verbesserungen, aber noch ein weiter Weg
Die sonst eher phlegmatisch wirkende Regierung beeilte sich diesmal, Ergebnisse vorzuweisen. Kurz vor Prozessbeginn verschärfte sie per Verordnung die Gesetze. Vergewaltiger können nun in besonders schweren Fällen mit dem Tod bestraft werden (siehe Infobox). Allerdings setzte die Regierung nicht alle Empfehlungen der Kommission um, die sie nach der Tat im Dezember selber eingesetzt hatte. Vergewaltigung in der Ehe etwa bleibt straffrei. Und: Politiker, die sexueller Vergehen angeklagt sind, dürfen weiterhin bei Wahlen antreten.
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