So, 22. Juli 2018

Utöya-Opfer reden

03.05.2012 14:30

"Als er meine Freundin erschoss, rannte ich"

Sie haben das Grauen mit eigenen Augen gesehen - und müssen nun alles noch einmal durchleben: Am Donnerstag haben die ersten Utöya-Überlebenden im Rahmen des Breivik-Prozesses ihre Aussagen gemacht. Besonders ergreifend war der Bericht des Fährmanns, der Anders Breivik nichts ahnend auf die Insel gebracht hatte und dann mit ansehen musste, wie dieser seine Freundin erschoss.

"Dass Breivik Waffen bei sich trug, habe ich von Anfang an gesehen. Aber er hatte sich ja als Polizist ausgegeben und gesagt, dass er den Auftrag habe, das Jugendcamp auf der Insel zu schützen", schilderte der Kapitän der "Thorbjörn" jenen verhängnisvollen 22. Juli. "Ich habe ihm sogar noch eine Plastiktüte gegeben, damit er sein Gewehr nicht offen zeigen muss."

"Können wir jetzt losfahren?", fragte Breivik dann mit ernster Stimme, als er auf der Fähre war. Während der kurzen Überfahrt hätten der Kapitän und seine Lebensgefährtin noch mit ihm geredet, er sei jedoch "starr und steif" gewesen.

Mette-Marits Bruder war erstes Opfer
Direkt nach dem Anlegen begann Breivik mit dem Massaker. Als Ersten erschoss er Trond Berntsen, den Stiefbruder von Kronprinzessin Mette-Marit. Der Polizeibeamte war auf der Insel privat als Wachmann für die sozialistische Jugendbewegung aktiv. Anders als kurz nach dem Massaker berichtet, hatte er aber offenbar nicht zuvor heldenhaft versucht, den Attentäter zu überwältigen. "Breivik schoss ihm einfach in den Rücken", berichtete der Zeuge.

"Ich konnte nicht glauben, was ich da sah", so der Kapitän weiter. "Ich dachte mir, dass das eine Übung sein muss, aber direkt danach erschoss er auch Monica, die Mutter meiner Kinder. Dann lief ich davon."

Nachdem er dem Schussfeld des Täters entkommen war, machte er sich auf die Suche nach seiner Tochter, die sich ebenfalls auf der Insel befand - doch er konnte sie nicht finden. Das Kind überlebte den Vorfall, leidet aber stark unter dem Tod der Mutter und den schrecklichen Bildern. "Sie weint sich oft in den Schlaf", so der Fährmann.

"Gewehr mit Zielfernrohr hat mich stutzig gemacht"
Vor dem Übersetzen auf die Insel hatte Breivik bereits Kontakt zu einem Wachmann auf dem Festland. Auch der hatte zunächst nichts Böses geahnt. "Breivik wies sich als Polizist aus und ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln", sagte er am Donnerstag vor Gericht. Etwas stutzig habe ihn allerdings das große Waffenarsenal gemacht, das Breivik mit sich führte. "Vor allem das Gewehr mit dem Zielfernrohr."

Schon bald sollte er merken, dass es kein Polizist war, den er auf die Insel gelassen hatte. "Ich hörte drei Schüsse von Utöya hinüberdröhnen. Da dachte ich noch, dass er seine Waffen testen würde. Doch als dann zwei längere Schussserien folgten, wussten wir, dass dort etwas Schlimmes vor sich gehen muss."

Am Nachmittag traten Polizeiexperten in den Zeugenstand, die sich zu Breiviks Amoklauf und seiner Ausrüstung äußerten. Mehr als 1.000 Patronen hatte Breivik laut ihren Ausführungen bei sich, als er nach Utöya übersetzte. Zu seinen Waffen zählte eine österreichische Glock mit Laser-Zieleinrichtung.

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