Frühstück im Dunklen

Wer nicht sehen kann, muss fühlen

Oberösterreich
22.06.2023 17:56

Die Dunkelheit verschluckt uns, Hand in Hand tauchen wir ein in die Finsternis. Vorsichtig führt Johann mich zu dem Sessel, wo ich die nächste Stunde verbringen werde. Ich stelle fest: auch ein Mangel an Eindrücken kann überwältigen.

Winzige Lichtpunkte helfen, die aufkeimende Panik zu überwinden. Langsam beginne ich, tastend meine Umgebung zu erkunden. Am Tisch vor mir steht ein Teller, daneben ein Buttermesser auf einer Serviette. Dahinter finde ich Kaffeetasse, Glas und Brotkorb.

Plötzlich rinnt der Saft über die Finger
So ähnlich geht es wohl jedem, der das „Frühstück im Finstern“ in Linz besucht, vom Verein Fokus Mensch in Kooperation mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband (BSV) OÖ veranstaltet. Dort kann man mit der Hilfe blinder Menschen in einem stockdunklen Raum frühstücken. Nur eine der unzähligen Hürden: Getränke einschenken. Erst plätschert der Saft munter ins Glas, plötzlich rinnt er mir über die Finger – ich muss mich wohl verschätzt haben. Bevor ich dieses Experiment mit dem heißen Kaffee wiederhole, gibt uns Johann einen Rat: Den Finger vorsichtig in das Häferl halten, um so dessen Füllstand „im Auge zu behalten“. So macht er das immer.

Weltreisender mit Sehbehinderung
Der graue Star, Ärzteversagen und eine verpatzte Operation führten dazu, dass er schon mit fünf Jahren auf dem linken, und als Erwachsener auch auf dem zweiten Auge erblindete. Aufhalten lässt sich der sportlich sehr aktive und nicht minder erfolgreiche Mitt-Sechziger, der im Bezirk Schärding geboren wurde, davon aber nicht. So hat er trotz seiner Einschränkung nicht die Lust am Reisen verloren. Ob Strandurlaub in Miami, Bootsfahrt durch die Stromschnellen des Orinoco, Streifzüge durch den Dschungel Sri Lankas oder geführte Berg- und Skitouren, nichts lässt er sich entgehen.

Über 15 Jahre hinweg erblindet
Mit von der Partie ist auch Susanne Breitwieser, Obfrau des BSVOÖ. Ihr hat nicht menschliches Versagen das Augenlicht gekostet, sondern eine genetisch veranlagte Augenkrankheit. 15 Jahre lang verlor sie nach und nach ihre Sehkraft, bis sie schließlich vollständig erblindete. Heute setzt sie sich als Obfrau des Blinden- und Sehbehindertenvereins für ihre Schicksalsgefährten ein. In dieser Tätigkeit macht sie sich vor allem für Awareness stark, und will die Sensibilität Blinden und Sehbehinderten gegenüber vergrößern.

Etwa drei Prozent der Bevölkerung sind blind
Schätzungen zufolge sind rund drei Prozent aller Österreicher so schwer beeinträchtigt, dass sie nichts sehen. Konkrete Zahlen, wie viele Blinde in Oberösterreich leben, gibt es nicht, denn Sehbehinderungen unterliegen nicht der Meldepflicht. Eine von Susannes Lieblingsbeschäftigungen ist es, anderen Sehbehinderten die Lebensfreude zurückzugeben. Johanns Leitspruch: „Man kann alles machen, wenn man nur will!“ Von der positiven Einstellung der beiden kann sich jeder etwas abschauen. Als ich auf die Straße hinausgehe, ins grelle Sommersonnenlicht, bin ich dankbar, dass ich sehen kann und mich nicht nur aufs Fühlen verlassen muss.

Wer Interesse am „Frühstück im Dunkeln“ hat, kann sich unter 0732/65 22 96 anmelden.

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