Politiker im Visier

Breivik wollte auf Utöya vor Massaker "Prozess" abhalten

Ausland
18.11.2011 11:04
Der Terrorist und Massenmörder Anders Breivik plante bei seinem Angriff auf die Insel Utöya offenbar auch eine Art Prozess gegen drei Politiker mit anschließender Hinrichtung. Zunächst wollte der Rechtsextremist seine Opfer fesseln und auf die Knie zwingen. Nach dem Verlesen eines selbst verfassten "Urteils" hätte Breivik aus seiner wirren Ideologie zitiert und anschließend die Exekutionen mittels Messer oder Bajonett vorgenommen. So zumindest beschreibt es die Tageszeitung "VG", die am Freitag Einzelheiten aus den Vernehmungsprotokollen Breiviks veröffentlichte.

Bei 18 Verhören hat Breivik über 130 Stunden lang ausgesagt. Über die systematische Hinrichtung verzweifelt flüchtender Jugendlicher im Sommerlager der Sozialdemokraten heißt es im Polizeiprotokoll: "Breivik fiel es schwer, die grausamen Szenen in sich aufzunehmen, aber er dachte die ganze Zeit, dass es notwendig war, die Aktion durchzuführen."

Als Hauptziele nannte Breivik, Norwegens frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland sowie Außenminister Jonas Gahr Störe zu töten. Auch der Chef der Jungsozialisten, Eskil Pedersen, sollte sterben. Breivik erwog überdies, die Hinrichtungen zu filmen. Brundtland und Störe standen zu verschiedenen Zeitpunkten als Redner auf dem Programm des Sommerlagers. Für Breivik waren sie "Verräter der Kategorie A". Doch als der Attentäter die Insel erreichte, war bekanntlich keiner der Politiker anwesend.

Weder Pedersen noch einer der anderen genannten Politiker wollte die Angaben aus dem Zeitungsartikel kommentieren. Auch Breiviks Anwalt Geir Lippestad lehnte einen Kommentar ab.

"Plan B, weil Plan A zu wenig spektakulär ausfiel"
Auch über Breiviks Attentat in Oslo, das er wenige Stunden vor dem Massaker auf Utöya durchgeführt hatte, zitiert die Zeitung aus den Verhören: "Als ich die Bombe zündete, war ich ziemlich nervös. Ich dachte, jetzt gibt es keinen Weg zurück, und dass ich in zwei Sekunden vielleicht sterben werde", beschrieb der 32-Jährige seine Gefühle bei der Explosion vor dem Osloer Regierungshochhaus. Sie kostete am 22. Juli acht Menschen das Leben.

Dass nur wenige Stunden später 69 Opfer bei einem Massaker starben, liest sich als unfassbar kühle Entscheidung für einen "Plan B", weil "Plan A" nicht spektakulär genug ausgefallen war: "Als Breivik im Radio hörte, dass die Bombe das Regierungshochhaus nicht zum Einsturz gebracht hatte, entschied er sich zur Ausführung des Terrorplans mit dem Massaker auf Utöya."

Auf den elf Sonderseiten druckte "VG" auch Zeichnungen des Täters über seine Versuche, die Bomben möglichst effektiv zu platzieren, sowie über seine Bewegungen auf der kleinen Insel.

Runenzeichen in Tatwaffen geritzt
Auch die Zeitung "Dagbladet" veröffentlichte am Freitag Details aus den Ermittlungen zu dem Utöya-Massaker. Ein Polizeibeamter sagte gegenüber dem Blatt, Breivik habe die von ihm bei der Ermordung von 69 Menschen verwendeten Pistolen und Gewehre nach Waffen von Göttern aus der nordischen Sagenwelt benannt und die Namen in Runenzeichen auf den Waffen eingeritzt.

Auf den Schaft seiner Glock-Pistole habe Breivik "Mjölnir" geritzt - den Namen des Hammers von Donnergott Thor. Das Gewehr habe er mit den Runen für "Gungnir", den Speer Odins, versehen, sagte der Beamte. In seinem "Manifest" (Berichte darüber in der Infobox) hatte Breivik eine Mischung aus Versatzstücken der christlichen und der nordischen Mythologie als seine Leitbilder bezeichnet.

Kritik an Veröffentlichungen
In Oslo sorgten die Veröffentlichungen für ein kritisches Echo. "Da haben wohl Anwälte vertrauliche Verhörprotokolle weitergereicht. Das kann den Ermittlungen sehr schaden und ist schlicht strafbar", sagte der Terrorexperte Tore Björgo von der Polizeihochschule Oslo. Sein Kollege Brynjar Lia meinte in "VG", dass sich Medien hier wohl vor den Karren des inhaftierten Attentäters spannen ließen: "Er hat ja versucht, die Medien zur Verbreitung seiner Botschaft einzusetzen."

Redaktionschef Torry Pedersen schrieb über die eigenen Beweggründe: "Dies ist das erste Mal, dass die Öffentlichkeit Breiviks eigene Stimme und Wortwahl hört." Das sei ein wichtiges Element, um "Klarheit über den tatsächlichen Hergang zu bekommen". Im Übrigen habe man detaillierte Schilderungen des einstündigen Tötens auf Utöya bewusst ausgelassen. Angehörige der Opfer und Überlebende haben seit dem Sommer mehrfach kritisiert, dass Medien Breivik viel zu breiten Platz einräumen.

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