10.11.2011 09:08 |

Ausgebauert

Bauernbundchef Fritz Grillitsch wirft das Handtuch

Es ist eine mittlere politische Bombe, die am Mittwochabend zuerst noch in- und schließlich auch hochoffiziell platzte: Fritz Grillitsch, 52-jähriger Steirer, Nationalratsabgeordneter, Vizeklubchef der ÖVP im Parlament, vor allem aber Präsident des Österreichischen Bauernbundes, tritt zurück. Nach einem Parteiobmann und einem ÖAAB-Chef muss sich die Volkspartei im Jahr 2011 nun auch einen neuen "Oberbauern" suchen.
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Die "Steirerkrone" hat den Politiker noch in der Nacht auf Donnerstag erreicht. Grillitsch bestätigte, dass er als Bauernbundpräsident und Obmann des Agrarforums zurücktreten werde. Er wolle für sich und seine Familie neue Perspektiven schaffen, beruflich wie privat. Am Donnerstagvormittag kam es dann auch schriftlich aus dem Büro des "obersten Bauern": Sein Nationalratsmandat werde er bis zum Auslaufen der Legislaturperiode 2013 behalten, als Bauernbundpräsident und ÖVP-Vizeklubchef lege er seine Funktion zurück. Am Freitag sei nun eine "geordnete Übergabe" im Zuge einer Präsidiumssitzung geplant.

Über die Nachfolge an der Spitze des einflussreichen ÖVP-Bundes mit rund 300.000 Mitgliedern gab es vorerst keine Informationen. Grillitsch werde beim Präsidium am Freitag seinen Rücktritt offiziell erklären, hieß es knapp. Die dort angestrebte "geordnete Übergabe" impliziert allerdings, dass wohl schon ein neuer Präsident gefunden werden soll.

"Stolz auf Arbeit mit Schüssel, Molterer, Pröll"
"Nach über zehn Jahren in der Spitzenpolitik ist auch für mich die Zeit gekommen, in ein normales Leben zurückzukehren und mich neuen Aufgaben zu stellen", so der Steirer in seinem Schreiben. "Gerade in den letzten Monaten ist mir bewusst geworden, dass es für mich immer schwieriger wurde, zum notwendigen Konsens und Ausgleich der unterschiedlichen Interessensgruppen sowohl innerhalb des Bauernbundes wie auch im Gefüge der Partei beizutragen."

Grillitsch weiter: "Ich bin stolz, an der Seite von Persönlichkeiten wie Wolfgang Schüssel, Willi Molterer und Josef Pröll die Agrar- und Umweltpolitik mitgestaltet zu haben." Mit einem klaren Schwerpunkt bei Biomasse und erneuerbarer Energie habe man gemeinsam die ökosoziale Marktwirtschaft ein Stück weiter in die Realität umgesetzt. Auch die Sicherung der landwirtschaftlichen Einkommen im Rahmen mehrerer Agrarreformen auf Brüsseler Ebene zähle zu den gemeinsamen Erfolgen der vergangenen zehn Jahre.

Politkrieg und Sarrazin im Hintergrund
Im Hintergrund scheint rund um Fritz Grillitsch in letzter Zeit ein mehr als wilder Politkrieg getobt zu haben. Vor allem niederösterreichische Funktionäre sollen üble bis verleumderische Gerüchte gestreut haben. Auch die Einladung des deutschen Skandalautors Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab") vor wenigen Wochen nach Graz soll ihm bei den schwarzen Parteifreunden ziemlich viele Minuspunkte eingebracht haben. Ebenso das Liebäugeln mit den Freiheitlichen - Grillitsch hatte da nur wenige Berührungsängste - war ihm von vielen in der Partei übel genommen worden.

Onkel war Vizekanzler
Wirtssohn Grillitsch entstammt einer prominenten schwarzen Familie der grünen Mark. Sein Onkel ist Josef Riegler, einst ÖVP-Vizekanzler in einem der Vranitzky-Kabinette, sein Vater diente der Volkspartei als Landtagsabgeordneter in der Steiermark. Grillitsch Junior sollte in diese Fußstapfen treten. Erste Karrierestation war Fohnsdorf, wo der gebürtige Judenburger (13. Juli 1959) mit 20 die Junge ÖVP übernahm. Da war er schon bei Raiffeisen tätig, nämlich als Revisionsassistent. Als Landwirt aktiv ist Grillitsch seit 1981.

Wie bei vielen ÖVP-Politikern war auch für den ambitionierten Steirer der Bauernbund die Basis für höheres Streben. Ab Mitte der 90er-Jahre im Vorstand der steirischen Teilorganisation verankert, brachte er es zunächst zum stellvertretenden Landesobmann und schließlich 2001 zum Obmann des Österreichischen Bauernbunds. Dieses Mandat ebnete Grillitsch auch rasch den Weg ins Parlament. Ein Jahr musste er noch im Bundesrat absitzen, ehe er 2002 in den Nationalrat einzog und diesen bis heute nicht mehr verließ. Seiner agrarischen Funktion gedankt, brachte er es zum stellvertretenden Klubvorsitzenden.

Viel diskutiertes Privatleben
Grillitsch fiel im letzten Jahrzehnt als macht- und selbstbewusster Bauern-Lobbyist auf, auch wenn er schon in seinen frühen Tagen als Bauernbund-Obmann ein wenig in die Bredouille geraten war. Nach seiner Scheidung war er plötzlich auch die (der Familie seiner Frau gehörende) Landwirtschaft los, einige familieneigene Hektar retteten ihm den Posten. Auch eine zweite amouröse Angelegenheit ließ Grillitsch intern immer wieder wackeln, seine Beziehung zur damaligen FPÖ-Generalsekretärin Magda Bleckmann, mit der er inzwischen einen Sohn hat, neben drei Töchtern aus erster Ehe.

In den letzten Jahren versuchte sich Grillitsch immer mehr zu verbreitern, politisch gesprochen. Neben agrarischen Themen widmete er, der gerne den modernen Laptop-Bauern gibt, sich zunehmend Gesellschaftlichem. Während er etwa der Homo-Partnerschaft als einer der wenigen Schwarzen schon früh seinen Segen gab, ging es in der Ausländer-Politik stramm in Richtung FPÖ. Zuletzt blamierte sich Grillitsch dabei, als er im Rausch des Sarrazin-Trubels nicht integrierten Zuwanderern schrittweise die Sozialleistungen streichen wollte und von der eigenen Partei sinngemäß als ahnungslos zurückgepfiffen wurde.

Scheidender Kronprinz der Steirer-ÖVP
Bei der Regierungsumbildung nach dem Abgang von Vizekanzler Pröll verlor der Bauernbund massiv an Einfluss und hält seither nur noch über Niki Berlakovich die "logische" Funktion des Landwirtschaftsministers. Grillitsch selbst, der zumindest Zweiter Nationalratspräsident werden wollte, ging dank des Beharrungsvermögens von Beamtenchef Fritz Neugebauer auch hier leer aus. Wohin ihn seine weitere Karriere führt, bleibt abzuwarten, aber wohl eher nicht nach oben.

Ohne die Funktion im Bauernbund dürfte es für Grillitsch, eigentlich als "Kronprinz" der Steirer-ÖVP gesehen, nämlich auch in der steirischen Landespolitik nicht leicht werden, im Nachfolgespiel für Landesobmann Hermann Schützenhöfer, der bei der nächsten Landtagswahl wohl nicht mehr antritt, eine entscheidende Rolle zu finden.

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