Pensionistin im Rolli ist auf ihre Persönlichen Assistentinnen angewiesen, sie sind ihre „verlängerten Arme und Beine“. Trotz aller Schmerzen hat sie ihren Lebensmut nie verloren, doch derzeit plagen die 62-Jährige große Sorgen, weil der Bund entscheidende Richtlinien ändert.
Besucht man Johanna Streitner in ihrer Wohnung in Stadl-Paura, wird man gleich sechsmal begrüßt: von den drei Hunden „Ilvy“, „Sina“ und „Nelly“ mit neugierigem Beschnuppern, von zwei Wellensittichen mit aufgeregtem Zwitschern – und natürlich von Frau Streitner selbst. „Aber die Hand bitte nicht zu fest drücken“, sagt die 62-Jährige. Denn die Pensionistin leidet unter chronischer Polyarthritis, eine Autoimmunkrankheit, die die Gelenke angreift und starke Schmerzen verursacht.
Unterstützung im Alltag
Seit zehn Jahren braucht Johanna Streitner deshalb einen Rollstuhl. Seit fünf Jahren hat sie Persönliche Assistentinnen, die sie insgesamt 180 Stunden pro Monat im Alltag unterstützen. Beim Duschen, Anziehen und Toilettengang, aber auch bei der Hausarbeit, beim Arztbesuch oder der Freizeitgestaltung. „Die Assistentinnen sind meine verlängerten Arme und Beine“, sagt Streitner. Jetzt befürchtet sie, ihre Helferinnen zu verlieren.
Neue Richtlinie
Anlass der Sorge ist eine neue Förderrichtlinie, die Sozialminister Johannes Rauch (Grüne) vorgelegt hat. Sie soll die unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern vereinheitlichen. Die größte Änderung: Förderungen vom Bund soll es nur mehr geben, wenn die Persönlichen Assistentinnen eine fixe Anstellung haben. Derzeit arbeiten die meisten selbstständig.
Es geht um Selbstbestimmung
Auch Andrea Heitzinger, Streitners Betreuerin: „Mein Job ist meine Berufung. Aber wenn die Reform kommt, höre ich auf. Bei einer Anstellung würde ich viel weniger verdienen als jetzt und wäre nicht mehr so flexibel.“ Vor allem aber fürchtet Johanna Streitner um ihre Selbstbestimmung. Derzeit könne sie ihre Assistentinnen selbst aussuchen, mit der neuen Regelung würde ein Trägerverein jemanden schicken. „Ich will aber nicht von jedem geduscht werden“, sagt sie.
Ich war als Kind selbst sehr krank, hätte eigentlich in den Rolli müssen. Heute arbeite ich mit Beeinträchtigten, in denen ich keine kranke Menschen sehe, sondern Gesunde. Meine Klienten entscheiden, und ich führe aus, was sie nicht mehr selbst tun können.
Andrea Heitzinger (52), Persönliche Assistentin
Ministerium beruhigt
Das Sozialministerium hält entgegen: Es sei künftig auch möglich, dass die Betreuerinnen direkt bei den Auftraggebern angestellt werden. Die Selbstbestimmtheit solle bestmöglich gewahrt werden.
Das ist Persönliche Assistenz
Menschen mit Beeinträchtigung können sogenannte Persönliche Assistenz beantragen. Die Assistentinnen und Assistenten unterstützen stundenweise etwa im Haushalt, bei der Hygiene, bei Besorgungen. Das Ziel dabei ist, den Klienten möglichst viel Eigenständigkeit zu ermöglichen. Derzeit ist die Zuständigkeit für das Modell zwischen Bund und Ländern aufgeteilt. Das Sozialministerium will nun österreichweit einheitliche Regeln. Dafür stehen 100 Mio. Euro zur Verfügung.
Freude am Leben
Johanna Streitner streichelt dennoch nachdenklich ihre Hunde. „Sie geben mir Lebensfreude.“ Die hat die 62-Jährige ohnehin nie verloren. Obwohl ihr Ehemann ebenfalls eine Beeinträchtigung hat – ihm fehlt ein Bein – und sie oft Schmerzen hat, ist die Pensionistin gut aufgelegt. „Und mein Mundwerk funktioniert noch perfekt“
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