Alte Fälle in Tirol

Faire Entschädigung für Missbrauchsopfer gefordert

Tirol
27.04.2023 10:00

Als Kind wurde er wie viele in der Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl in Innsbruck misshandelt. Zusammen mit der Liste Fritz fordert der Tiroler Christian Herbst eine fairere Entschädigung vom Land.

Als „abartige Kreaturen“ wurden sie beschimpft. Geschlagen, erniedrigt, gewaltvolle und auch sexualisierte Übergriffe. Mit Medikamenten ruhig gestellt, ans Bett gefesselt. Ein Entkommen gab es nicht – nicht nur, weil es an den Türen keine Türklinken gab. Machte eines der Kinder oder Jugendlichen nachts ins Bett, wurden alle aufgeweckt. Alle mussten aufstehen und den nackten Bettnässer auslachen. Sonst: Geworfener Schlüsselbund, Rohrstock, Schläge mit der Faust.

Ein Freund nahm sich das Leben
Das erzählt Christian Herbst. Einen Tag vor seinem 12. Geburtstag kam er in die Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl in Innsbruck. Eine Geburtstagsfeier gab es nie – dafür 85 Tage lang Martyrium. Nowak-Vogl war Fürsorgeärztin, Psychiaterin und Heilpädagogin. „Sie wurde vom Land Tirol geehrt“, berichtet Herbst über seine Peinigerin. Er berichtet auch, wie ein Freund aus dieser Zeit mit 16 Jahren noch einmal in die Kinderbeobachtungsstation hätte kommen sollen. Der 16-Jährige entschied sich für den Freitod. Ein anderer beging mit 30 Suizid.

Man könnte lange über die Folgen für die 3554 Opfer aus der Zeit von den 1950ern bis in die 1970er sprechen, über Albträume und unüberwundene Traumata. Sie haben sich vom Land Tirol - wenn schon eine Wiedergutmachung unmöglich ist - zumindest Wertschätzung verdient. Wenn die Opfer bereit sind, noch einmal zu schildern, wie es ihnen ergangen ist und einen Erfahrungsbericht einreichen, bekommen sie eine Entschädigung. Zwischen 500 und - bisher erst einmal - 25.000 Euro. Bisher wurden 250 Menschen entschädigt. Zwölf Betroffene haben (noch) keinen Erfahrungsbericht eingereicht - fraglich, ob sie es je tun werden und daher je entschädigt werden.

Mindestens 15.000 Euro für jedes Opfer
Die Liste Fritz fordert in einem Antrag für den Mai-Landtag eine einheitliche Opferentschädigung. Diese sieht vor, dass jedes Opfer zumindest 15.000 Euro bekommen soll. „Es wäre ein Zeichen der Wertschätzung“, sagt Sint. Betroffene, die bereits mit einem geringeren Betrag entschädigt wurden, sollen eine Aufzahlung auf diesen Mindestsatz erhalten.

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