"Einäugige Idioten"

Ex-Kanzler Helmut Schmidt rechnet mit Börsianern ab

Ausland
06.10.2011 16:31
Hilfszahlungen in Milliardenhöhe, dennoch ein drohender Bankrott in Griechenland und eine immer weiter wachsende europäische Schuldenkrise: Jetzt rechnet Deutschlands Alt-Kanzler Helmut Schmidt mit der EU und den internationalen Finanzmärkten ab. Eine Griechen-Pleite sei kein Desaster.

Helmut Schmidt, von 1974 bis 1982 deutscher Bundeskanzler, nimmt sich im Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" kein Blatt vor den Mund. Ein Bankrott Griechenlands sei zwar kein Desaster, dennoch: "Der Teufel soll die europäischen Regierungschefs holen, wenn sie es nicht fertigbrächten, Griechenland zu retten." Denn die Pleite hätte schwerwiegende politische Folgen.

Und während Deutschlands Wirtschaftsminister Philipp Rösler den Druck auf Griechenland erhöht und Investitionen fordert sowie der Ruf von außen nach radikalen Sparprogrammen immer lauter wird, nimmt Schmidt den Pleite-Staat in Schutz: "Die bisherigen Ermahnungen, Ratschläge und herablassenden Belehrungen seitens anderer Mitglieder der Europäischen Union haben in Griechenland eine Depression ausgelöst."

Schmidt vergleicht die Situation der Griechen mit der der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. "Natürlich hätten die Amerikaner oder Franzosen damals sagen können: Die Deutschen haben selber Schuld, lass sie doch verkommen in ihrem Elend! Das haben sie aber nicht getan. Stattdessen haben die Amerikaner den Marshall-Plan erfunden."

"Schielen nur auf eigene Bonifikation"
Kein gutes Haar lässt der Grandseigneur der deutschen Sozialdemokraten an den internationalen Finanzmärkten: "Dort tummeln sich intelligente, aber einäugige Idioten. Sie sind blind auf dem Auge, welches das Gemeinwohl im Blick haben sollte, und mit dem anderen Auge schielen sie auf ihre eigene Bonifikation. Sie haben kein Verantwortungsbewusstsein und gehören deshalb unter viel straffere Aufsicht. Dieser Meinung bin ich seit zweieinhalb Jahrzehnten." Wie recht er damit hat, zeigt eine aktuelle Studie der Schweizer Universität St. Gallen: Demnach verhalten sich Aktienhändler noch egoistischer und risikobereiter als gefährliche Psychopathen (siehe Infobox).

Trotz der Unberechenbarkeit der Akteure glaubt Schmidt daran, dass ein Zügeln der Finanzmärkte möglich ist. "Dazu gehört aber ein fester Wille, jedenfalls ein fester Wille derjenigen Regierungen, die sich gemeinsam zur Euro-Währung zusammengeschlossen haben." Erkennen kann der Ex-Kanzler diesen Willen derzeit zwar nicht. Aber immerhin: "Es ist nicht undenkbar, dass er entsteht. Und es wäre gut, wenn er entstünde."

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