Warum schwören viele zu Silvester aufs Eisbad? Um den Reiz zu verstehen, wagte sich „Krone“-Redakteurin Nicole Greiderer mit einem Profi ins Eiswasser und schilderte dabei die eiskalte Erfahrung am Obernberger See.
Knapp unter null Grad. Gerald Daringer trägt kurze Hose. „Natürlich spüre ich die Kälte auch. Aber ich gehe anders mit ihr um“, sagt der 46-Jährige und stapft vor mir durch den Schnee zum Obernberger See. Dass ihm die Temperatur nichts anhat, hat mit seinem Hobby zu tun: Der Tiroler ist Eisschwimmer, und zwar einer von Österreichs besten. Was vor vier Jahren als Therapie für ein kaputtes Knie begann, verhalf ihm mittlerweile zu einem österreichischen Rekord und mehreren Siegen bei Weltcup-Rennen. Dennoch: „Ich mache das nach wie vor für mich“, schwärmt der hauptberufliche Lehrer. Was er am Extremsport schätzt: Die Stärke, die er Körper und Geist beschert, aber auch den Stolz, der sich nach Höchstleistungen einstellt.
Bis wir am See angekommen sind, haben Geralds Erzählungen meine Angst schrumpfen lassen. „Wir stellen uns erst einmal mit den Füßen hinein“, skizziert er, wie es weitergeht. Ich folge ihm bis zu den Knöcheln ins Wasser. Sofort breitet sich ein schmerzhafter Druck in meinen Füßen aus. Darauf war ich vorbereitet. „Nach zwei bis drei Minuten reagiert der Körper und es beginnt, erträglicher zu werden“, hat mir Gerald zuvor versprochen. Wirklich: Als der Schmerz nachlässt, ist das Wasser fast angenehm.
Das auszuhalten, muss man wirklich üben.
Profi Gerald Daringer
Beim Eintauchen ins Eiswasser setzt Kopf aus
Nach einer kurzen Pause an Land geht es ein zweites Mal in den See, diesmal bis zu den Oberschenkeln. Einen kurzen Augenblick befällt mich leichter Schwindel. Dann bohren sich tausend Nadeln in meine Beine. Noch schlimmer ist es an den Händen. „Das auszuhalten, muss man wirklich üben“, verdeutlicht der Profi. Er trainiert die Finger minutenlang mit Eispacks und Kübeln voller Eiswasser.
Gerald verordnet eine weitere Pause. „Und jetzt probieren wir, uns kurz hineinzusetzen.“ Der Profi klingt, als würde er sich aufrichtig darauf freuen, und das tut er vermutlich auch. „Kostet es dich keine Überwindung, ins Wasser zu steigen?“, frage ich. „Nein, gar nicht mehr.“
Schneller als mir lieb ist sitze ich im Bergsee. Pure Kälte schwappt an meine Schultern. Wie sich das anfühlt, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass mein ganzer Körper Alarm schreit. Automatisch setzt Schnappatmung ein, obwohl ich darauf bedacht war, das zu verhindern. Drei oder vier Züge dauert es, dann kommt der Sauerstoff wieder an. „Ausatmen nicht vergessen. Das Ausatmen ist das Wichtigste“, erinnert Gerald beruhigend. Als ich mechanisch die Luft aus meinen Lungen presse, muss ich mich wirklich sehr zusammenreißen, damit meine Zähne nicht unkontrolliert klappern.
„Willst du hinaus?“, durchdringt Geralds Stimme die Panik. „Vielleicht“, presse ich hervor. Ehrlich gesagt hatte ich vergessen, dass diese Option existiert. Langsam schaltet sich mein Gehirn wieder ein. Jetzt spüre ich den Schmerz – und er ist kaum auszuhalten. Fast wie ferngesteuert finde ich zurück ans Ufer.
Das Hochgefühl danach macht die Strapazen wett
Sobald mein Oberkörper im warmen Pulli steckt, ist das Schlimmste überstanden. Auch voll angezogen zittere ich wie verrückt, „aber das ist normal“, erklärt Gerald. Die Reaktion des Körpers, der sich wieder aufwärmt. Das Zittern wird noch gute 20 Minuten anhalten. Es fühlt sich nicht an, als wäre mir kalt. Vielmehr ist es, als hätte die Luft um mich genau die richtige Temperatur. Meine Haut ist feuerrot, aber erfrischt wie nie. Als hätte jemand meine Sinne geschärft, nehme ich mich und die Umgebung intensiver und deutlicher wahr.
Kein Wunder, dass Gerald Daringer seinen Extremsport so liebt und dass sich auch Dutzende andere Tiroler zum Jahreswechsel ein Eisbad genehmigen: So klar im Kopf gelingt garantiert ein guter Start ins neue Jahr.











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