Kurse im Keller
Italien-Panik schickt Europas Börsen auf Talfahrt
Die Zinsen für zehnjährige Staatstitel aus dem österreichischen Nachbarland erreichten am Dienstagmittag erstmals seit 1997 - also noch vor der Euro-Einführung - die Marke von sechs Prozent. Das ist mehr als ein Prozentpunkt über dem Niveau von Anfang Juli. Italien muss in den nächsten Monaten neues Kapital am Markt aufnehmen.
Zum Vergleich: In Spanien liegen die Zinsen mit 6,2 Prozent nur noch geringfügig höher. Die zehnjährige Rendite z.B. für Deutschland liegt mit 2,5 Prozent wesentlich niedriger. Dies ist Ausdruck des hohen Zutrauens der Investoren in die Bonität der größten EU-Volkswirtschaft. In einer komplett anderen Dimension befinden sich die Krisen-Euroländer Griechenland, Irland und Portugal: Die zehnjährigen Zinsen liegen bei 16, 12,7 bzw. 12,2 Prozent.
Opposition erklärt Sparpaket-Zustimmung
Die italienische Opposition hat sich am Dienstag angesichts der Börsen-Talfahrt demonstrativ dazu bereit erklärt, für das milliardenschwere Sparpaket der Regierung Berlusconi zu stimmen. Angesichts der internationalen Sorgen um die finanzielle Solidität des Landes erklärte sich Italiens stärkste Oppositionskraft, die Demokratische Partei (kurz: PD), bereit, auf Obstruktion gegen die Mitte-Rechts-Regierung im Parlament zu verzichten, so die PD-Fraktionschefin im Senat, Anna Finocchiaro.
Die PD will im Parlament nur wenige Abänderungsanträge vorlegen und rief die Regierung auf, über diese Vorschläge zu verhandeln. Die PD zeigte jedoch ihre Bereitschaft, sich für eine äußerst rasche Verabschiedung des Sparpakets einzusetzen. Wirtschaftsminister Giulio Tremonti persönlich traf am Dienstag mit den Vorsitzenden der Oppositionsparteien zusammen und erhielt ihre Zustimmung für die Verabschiedung des Sparpakets schon am Donnerstag im Senat. Bis Samstag soll das Sparpaket mit schuldeneindämmenden Maßnahmen im Wert von 47 Milliarden Euro auch von der Abgeordnetenkammer verabschiedet werden.
Börsianer: "Sehr gedrückte Stimmung"
Die Angst vor einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise hat am Dienstag die Kurse von Finanzwerten zumindest zeitweise in den Keller geschickt - ungeachtet der Gipfel-Ankündigung eines "Anti-Ansteckungsprogramms". Zu einer von der EZB geforderten Verdoppelung des Euro-Rettungsschirms auf 1,5 Billionen Euro konnten sich die Finanzminister ja nicht durchringen.
Ein Börsianer monierte wohl auch deshalb das "schlechte Krisenmanagement in der Eurozone", das an den Märkten für eine sehr gedrückte Stimmung sorge. Marktstratege Robert Halver von der Baader Bank erklärte, das Fatale sei, dass die Politik keine Lösung der Misere finde. "Die Europapolitik liefert keine Perspektive, sie führt nicht", sagte Halver. Je länger der Fall Griechenland ungelöst sei, desto mehr würden andere Länder in Mitleidenschaft gezogen, wie nun Italien.
Der italienische Aktienmarkt lag am Vormittag dafür vergleichsweise moderat im Minus, gegen Abend hatte er sich sogar stabilisiert. Damit schlug er sich besser als zahlreiche andere europäische Leitindizes. Seit dem Handelsschluss am vergangenen Freitag steht für den italienischen Index allerdings ein deutliches Minus zu Buche.
Aktien der Bank-Austria-Mutter vom Handel ausgesetzt
Die Aktien der UniCredit, die eine beträchtliche Menge italienischer Staatsanleihen hält, stürzten am Dienstag rasant ab und wurden zweitweise vom Handel ausgesetzt. Erst gegen Abend zeigte sich das Papier erholt. Ein Blick auf die vergangenen fünf Handelstage verrät, wie sehr die Bankentitel aus dem südeuropäischen Land schon unter die Räder gekommen sind: So verloren die UniCredit-Aktien in diesem Zeitraum bis zu 24 Prozent, die Papiere von Intesa Sanpaolo rund 19 Prozent.
Auch an der Wiener Börse gab der Leitindex ATX bis Dienstagmittag um mehr als zwei Prozent nach, schloss dann aber mit lediglich 0,36 Prozent im Minus. Der Kurs der Raiffeisen-Aktie sank bis 12 Uhr um mehr als vier Prozent auf 32,24 Euro, erholte sich dann aber und erreichte am Abend schließlich ein Plus von 0,34 Prozent.
Wirtschaftsforscher: EU kann Italien nicht retten
Der Präsident des Münchener Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Hans-Werner Sinn, meinte am Dienstag, Italien müsse seine Schuldenkrise trotz allem selbst lösen. Sparen sei der einzige Weg, auch wenn dadurch das ohnehin schon schwache Wachstum noch gedrosselt werde. "Italien muss aus dem Problem rausschrumpfen." Keinesfalls könne das Land von der EU gerettet werden. "Das ist nicht zu schaffen."
Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Seit Ende vergangener Woche haben sich die Märkte auf das Land eingeschossen. Der Wirtschaftsforscher betonte aber, die Lage sei anders als etwa bei Griechenland, das wie Portugal und Irland bereits unter den EU-Rettungsschirm schlüpfen musste. Italien habe ein viel kleineres Leistungsbilanzdefizit und kaum Verschuldung im Ausland.
Schäuble: "Griechenland, nicht Italien Kern des Problems"
Auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble betonte am Dienstag, dass Griechenland "Kern des Problems der Krise" sei und nicht Italien. Dass Italien auf dem Gipfeltreffen am Montag das Top-Thema war - wie von einigen Diplomaten kolportiert -, verneinte Schäuble: "Wir haben deshalb nicht so viel wie erwartet über Itatlien gesprochen. Italien hat ein ambitioniertes Sparziel vereinbart und ich bin sicher, dass die Finanzmärkte dann Italien wieder realistischer beurteilen werden." Generell sei die Eurozone "in unruhigen Zeiten auf gutem Weg", sagte Schäuble bei einer weiteren Sitzung der EU-Finanzminister am Dienstag in Brüssel.
Von der EZB-Forderung, den Rettungsschirm aufzustocken, hält Schäuble nichts: "Eine Aufstockung ohne Lösung der zugrunde liegenden Probleme löst überhaupt nichts. Die Spekulation über immer neue Summen führt uns nur in eine Verunsicherung, die überhaupt nichts hilft." Dass auch Eurobonds (gemeinsame Staatsanleihen der Euro-Mitgliedsländer) helfen könnten, will Schäuble aber nicht generell ausschließen. "Wir haben gesagt, wir prüfen alles. Aber wir machen nicht die Auflösung in einzelnen Ergebnissen vorweg."
Euro zeitweise unter 1,40-Dollar-Marke
Apropos Euro: Nachdem sich die Gemeinschaftswährung in den letzten Wochen erstaunlich robust gezeigt hatte, gerät sie jetzt im Sog der Italien-Panik wieder unter Druck. Der Euro sank am Dienstag deutlich unter die Marke von 1,40 Dollar. Mit zeitweise 1,3838 Dollar kostete er so wenig wie zuletzt Mitte März. Damit notierte der Euro zwar immer noch deutlich höher als im Durchschnitt seit der Euro-Einführung - der Sinkflug beschleunigt sich aber. Seit Wochenbeginn hat der Euro zum Dollar mehr als drei Cent an Wert verloren. Am Abend stabilisierte sich die Währung dann etwa bei der Marke von 1,40 Dollar.
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